Klar sehen – Düsseldorf und Köln

Der Kunstpalast in Düsseldorf und das Wallraf-Richartz-Museum in Köln zeigen seit dem Herbst zugkräftige Sonderausstellungen. Verheißungsvolle Titel künden von bemerkenswerten Einblicken in bekannte Themen. Durch spezifische Verknüpfungen der Kunstwerke soll eine neue Sichtweise vorgestellt werden, die die Aufmerksamkeit der Besucher gewinnen und berühren will.

Hinter dem Vorhang

in Düsseldorf weckt die Hoffnung und Erwartung auf einen Nervenkitzel. Eigene Erinnerungen mit Vorhängen werden wach, das aufregende Versteckspielen der Kindheit oder die lästige Notwendigkeit, Unordnung zumindest zu verbergen. Eine Fülle großartiger Gemälde, aus der ganzen Welt zusammengebracht, würdigen den Vorhang als Bildmotiv in seiner Vielfalt. Die antike Legende, den gemalten Vorhang des Parrhasios als Trompe-l’œil zu etablieren, führt in das Thema ein. Wenige Begleittexte auf hoch gehängten Stoffbahnen erläutern die einzelnen Abschnitte zurückhaltend. Einen ersten Höhepunkt setzt das ungewöhnliche Portrait des Filippo Archinto (1558) von Tizian aus dem Philadelphia Museum of Art, hier wird gleichzeitig verhüllt und enthüllt. Der zarte, durchscheinende Schleier, der den Mann zur Hälfte verhängt, beschreibt die unklare Position des designierten Bischofs von Mailand, der unter schwierigen politischen Verhältnissen seinen Posten nicht antreten konnte. Der eigenwillige amerikanische Jurist John G. Johnson (1840-1917) erwarb das Gemälde für seine umfangreiche Privatsammlung. Der brillante Rechtsanwalt, als eigentümlicher, gar seltsamer Mensch beschrieben, der niemals an öffentlichen Dinners teilnahm oder öffentliche Reden hielt, mag das damals fast vierhundert Jahre alte Portrait begründet durch seine persönliche Auffassung des Konflikts von privatem und öffentlichem Leben geschätzt haben. Gerhard Richters Großer Vorhang gegenüber, der für sich selbst steht und alles oder nichts verbirgt, sensibilisiert zusammen mit dem Altmeister Tizian die mehrdeutigen Auslegungen des Verhüllens und Enthüllens. Die Ambitionen eines Vorhangs bleiben geheimnisvoll. Macht, Autorität und Repräsentation spinnen ihre Ansprüche ins Gewebe.

Die mittelalterlichen bis barocken Bildnisse berichten von der christlich-liturgischen Botschaft. Bei voller Ansichtigkeit schafft der Vorhang die nötige Distanz für die Heiligkeit und Privatheit von Mutter Maria und dem Jesuskind. Der Vorhang, beim christlichen Mysterienspiel ebenso gebräuchlich wie beim Verdecken der Bilder während gewöhnlicher Werktage, schwingt immer mit.

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Adriaen van Gaesbeeck; Ruhe auf der Flucht nach Ägypten (1647)

Im weiteren Verlauf der Ausstellung überhäufen uns die Ansichten mit Behängen. Der prächtige Hintergrundvorhang verallgemeinert sich zum Prestigeträger des Portraits.

Auch der Reiz des Erotischen fließt hinter dem Schein des Geschützten aus dem feinen Gespinst des Vorhanges hervor. Im weiblichen Akt steigert ein Stück Stoff die Begehrlichkeiten und verwandelt einen jeden Betrachter in einen Voyeur.

Lucian Freuds (1922-2011) schonungsloser männlicher Akt (die Socke als Relikt des Vorhangs?) aus dem Abschnitt der Moderne neben den weiblichen Schönheiten hätte angeregte Diskussionen provozieren können – doch wird zu häufig bei der Hängung auf eine zeitliche Gleichförmigkeit gesetzt. Auch in der ständigen Sammlung des Museums finden sich Werke mit interessanten Vorhangkompositionen, die keine Berücksichtigung in der Sonderschau fanden, so wirkt die Auswahl nicht immer schlüssig.

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Ständige Sammlung: Max Slevogt; Weiblicher Rückenakt (1905)

Die Moderne Kunst mit Gemälden, Skulpturen, Installationen und Videos folgt räumlich abgetrennt. Die Vorhangidee bricht hier in den unterschiedlichsten Ausführungen und Materialien hervor. Die Verknüpfung bleibt oft wage, so verpackt Christo seine Objekte – sie verschwinden nicht, sondern verändern ihre Hülle, ein neuer Aspekt.

Sehen oder Nichtsehen, Nähe und Distanz, reizvolle Schönheit und gefährliche Macht, erregende Spannung – auch Hitchcocks Duschvorhang in Psycho wäre ein wundervolles Beispiel, die vielen Facetten des Vorhangmotivs ins Bewusstsein zu rufen.

Neben den standardisierten Motiven können einzelne Kunstwerke geglückte Impulse mit stimmigen Dialogen setzen, die das Verborgene und Sichtbare zu einem spannenden Erlebnis machen. Materialfragen, die Herstellung des Stoffes sowie physische Funktion in Raumklima und Akustik bleiben jedoch unberührt.

Von Dürer bis van Gogh

Zwei weltbekannte Künstler im Titel locken das Publikum nach Köln. Als Hauptattraktionen fungieren diese Werke aber nicht in der Ausstellung. Hier sollen keine Solitäre ihre Strahlkraft verbreiten, zum Thema wird die Gegenüberstellung der Werke aus dem eigenen Bestand mit der Sammlung Bührle.

Wer die Schweiz ein wenig kennt, weiß um die herausragende Person von Emil Georg Bührle (1890-1956). Als geborener Deutscher war er zeitweise der reichste Mann der Schweiz. Geschult durch ein Kunstgeschichtsstudium, gepaart mit einer wohlbestellten Eheschließung und dem Talent für wirtschaftlichen Erfolg, brachte es der selbstbewusste Bührle mit dem Oerlikonkonzern zu einem bestens verdienenden Waffenproduzenten und -exporteur. Seine problematische Persönlichkeit und sein Verhalten während des zweiten Weltkriegs wird in einem eigenen Raum ausführlich dargelegt. Ein Großteil seiner Privatsammlung gehört heute der Stadt Zürich. Die noch andauernden Museumsneubauten erlauben es, einen Teil der Exponate ihrer Sammlung auf Reisen zu schicken. Bührle war mit dem damaligen Direktor des Wallraf-Richarts-Museums Leopold Reidemeister bekannt und teilte mit ihm die persönliche Liebe zu den französischen Impressionisten. So konkurrierte man häufig bei Ankäufen auf dem Kunstmarkt. Meist erhielt Bührle den Zuschlag, weil sein finanzielles Budget alle Mitbieter ausstach. Der Gedankenaustausch zwischen dem Kölner Museum und der ehemaligen Privatsammlung legt Verzweigungen frei, die über die Betrachtung der einzelnen Kunstwerke hinausgeht und zusätzlich Einblicke in einen Zeitgeschmack preisgibt. Die Paarbildung als Botschaft wird sofort eingängig erlebbar.

Zwei holländische Landschaftsbilder (1645) von Aelbert Cuyp (1620-1691) hängen sinnverwandt vereint, als bildeten sie ein Panorama. Ohne große Erklärungen erschließt sich dem Besucher die Idee des Gleichnisses und ganz spontan beginnt die Spurensuche nach verbindenden und widerstrebenden Tendenzen bei den Paaren. Die mit Kennerschaft und Geschmack gewählten matten aber satten Wandfarben sind wunderbar auf die jeweiligen Exponate abgestimmt und verstärken deren Strahlkraft, ohne sie zu dominieren. Diese lockere freudige Atmosphäre leitet beschwingt durch die Räume.

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Bartholomäus Bruyn d. Ä.; Beweinung (ca. 1530/32) W-R-M – Oberösterreich; Beweinung (spätes 15. Jh) Bührle

In der Beweinungsszene (um 1530) in der Tafel des Bartholomäus Bruyn d. Ä. aus Köln und der Skulpturengruppe – Oberösterreich (spätes 15. Jh.) von Bührle fallen Übereinstimmungen in Lagerung und Haltung der Christusfiguren ins Auge, als wäre ihnen ein gemeinsames Vorbild und ein Einvernehmen in der Auffassung des Dargestellten gegeben.

Stilistische Übereinstimmungen bei dem Meister des Heiligen Sippe d. J. (1503) Köln und der Heiligen Sippe aus Lindenholz von Nicholaus Weckmann (1515) überraschen. Die distanzierte Haltung von Maria und Anna und ihre räumliche Trennung sowie das Detail des bis zum Knie hochgeschlagenen Mantels der Maria ermutigen zu einigen Überlegungen. Die Vakanz an dieser Stelle könnte darauf hinweisen, dass eine mobile Monstranz während des Gottesdienstes auf dem Altartisch davor Aufstellung fand und und zum eigentlichen Zentrum des Geschehens wurde.

Ein vergnügliches Unternehmen bieten die Gemälde – Ehepaar Sisley (ca. 1868) Köln und das Portrait von  Alfred Sisley (1864), beide vom Freund Auguste Renoir angefertigt, so dicht beieinander zu betrachten. Nach dem Studium von Alfreds Soloansicht meint man die emotionale Stimmung des Ehepaares anders zu gewichten.

Paul Cezannes Knabe mit roter Weste (ca.1888/90) und Paul Gauguins Bretonischer Junge (1889) verdichten die erfassbare künstlerische Nähe der Maler. Gemeinsamkeiten in der Bildaufteilung, Betonung der Extremitäten vermitteln eine verwandte Sichtweise und vielleicht sogar das selbe Modell.

Verband die beiden Herren Bührle und Reidemeister eine ähnliche Kunstauffassung in der Nachkriegszeit oder kommt in der verblüffenden Harmonie und Übereinstimmung der Kunstsammlungen prestigeträchtige Überlegung zum Ausdruck?

In dieser Ausstellung wird über den Erkenntnisgewinn hinaus das individuelle Erleben durch die Werke so leicht und intensiv befördert, wie man es nur sehr selten erlebt. Jedem Besucher – unabhängig von seinen Vorlieben und Kenntnissen – wird die Möglichkeit geboten, eine Entdeckungsreise anzutreten. Der schaffende Künstler in seiner Zeit bleibt eigenständig und dennoch spürt man auch den jeweiligen Zeitgeschmack und kann ihn mit der eigenen Meinung abgleichen. Es muss ja nicht immer eine Pionierarbeit geleistet werden, um den Gedanken zu einem kleinen Sieg zu verhelfen.

Düsseldorf: 1.10.2016 – 22.01.2017
Köln: 23.09.2016 – 29.01.2017 verlängert bis 12.02.2017

Siehe auch:

hinterdemvorhang

Public Private Partnership – Praxis in Köln, Kunstkonferenz in Berlin

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