Memmingen

Das Schöne an einem Stadtspaziergang ist, mitten im Original zu sein, hier und jetzt. Zum Beispiel ist Memmingen nicht nur eine historische, denkmalgeschützte Altstadt, sondern mit ihrer freundlichen Mischung von Überliefertem und Modernen eine attraktive einladende Stadt geworden. Memmingen, 30 km südlich von Ulm günstig an der A96/A7 gelegen, aber ebenso mit der Bahn oder dem Fernbus zu erreichen, gelingt es, eine einnehmende lebendige  Atmosphäre zu verwirklichen. In den letzten Jahren haben einige anspruchsvolle bauliche Veränderungen das Städtchen aufgeräumt und erfrischt. Der Kulturraum Stadt beginnt bereits am Bahnhof. Ein Teil des Bahnhofsareals, nun klar und übersichtlich im Modulsystem gestaltet, empfängt mit einer entspannten Offenheit, selbst bei dem neuen Parkhaus östlich des Areals wurde auf ein ansprechendes Äußeres geachtet. Gleich nebenan westlich steht man sofort vor der MEWO Kunsthalle, im ehemaligen königlich bayrischen Postamt von 1901. Die schönen großzügigen Räume dienen den regelmäßigen ambitionierten Wechselausstellungen in sympatischer Weise. Bis Ende Januar können Henry Moores Zeichnungen von Schafen in der Landschaft, die er an seinem Wohnort Much Hadham beobachtete, entdeckt werden. Nicht eben verwegene Motive, weder in Form noch Farbe und doch in ihrer individuellen Schlichtheit markant. In einer weiten leeren Landschaft stehen die Schafe auf der Wiese. Dicke wollige Schafe, schlanke geschorene Schafe, in kleinen Gruppen beieinander, oder in Ansichten von vorne oder von hinten, einzeln oder Mutterschaf mit Lamm.

wp-1482178597266.jpegwp-1482178597263.jpegSie liegen nicht verniedlicht wie Knäule im Gras oder verschwimmen dekorativ in ihrer Umgebung. Diese Körper sind in Spannung, sie stehen – aufmerksam und aktiv. Den Bildhauer und Skulpteur Moore bewegt ihre klare Form. Den massigen Körper mit seinen Rundungen, die zurückgezogenen Flanken der Tierleiber modelliert er in seinen Zeichnungen heraus. Die dünnen Beine heben den Körper des Tieres empor, sie sind Basis und Stütze, wie bei seinen Großplastiken werden Durchblicke unter dem Körper möglich und relativieren das Gewicht – Schwerelosigkeit durchzieht die Zeichnungen. Diese grasenden Schafe in ihrer ureigenen Landschaft wirken vertraut und dennoch wild distanziert. Keine Mythologie eines goldenen Vlieses oder eines christlichen Lammes und keinesfalls ein lustiges Shaun, sondern ein schönes Nutztier, das durch das Gras streift bei Wind und Wetter und dem herannahenden Regenguss trotzt und mit Wolle und Lammbraten dem Menschen Nutzen bietet. Hier ist alles so wie es sein soll, nichts stört unsere Sehnsucht nach vermeintlicher naturbelassener Normalität.

Die Schafgemälde, ca. 1940, des Dekorationsmalers Joseph Madlener, die im ersten Stock zu sehen sind, wirken durch ihren detailtreuen Pinselstrich und die opulent bunte Wiedergabe märchenhaft schwermütig, man wähnt sie lieber im geschützten Stall. Madleners unterschiedliche künstlerische Betrachtungsweise dieser Tiere ist sehr vergnüglich. Die einprägsamen Naturstudien der Mooreschen Zeichnungen hingegen verlocken auch bei rauem Wetter zu einem wilden befreienden Spaziergang.

Östlich vom Bahnhofsbezirk taucht man in die Altstadt ein. Der mittelalterliche Stadtkern Memmingens bot immer eine sehenswerte Einheit, die jedoch lange Zeit etwas angestaubt und baufällig dahindämmerte. Mit der Neugestaltung des Elsbettenhofs, dem Landestheaterareal und den Neuen Schrannen gelang den Stadtplanern der Wurf einer attraktiven Stadtmitte, die zum Erkunden einlädt. Die neu entstandene Architektur biedert sich nicht den umgebenden mittelalterlichen Gebäuden an, sondern fügt sich schlich und selbstbewusst ein. Mit den zeitgemäßen Materialien Stein, Beton, Stahl und Glas ist das verwinkelte Areal eigenwillig aber nicht aufdringlich mit der Umgebung verwoben worden. Jede Ansichtsseite bietet eine überraschende Lösung, einen wahrhaftig städtischen Gesamteindruck, der nicht erschlägt.

Das Kölner Architektenbüro Kay Trint und Hanno Kreuder sind für dieses schöne Bauensemble verantwortlich – absolut einfach – einfach absolut ihr Motto. Maßwerk in poliertem Stahl ausgeführt wird zu einer Skulptur, durchbrochene Steinattiken wirken wie Spitzen und erinnern an das textile Gewerbe, das hier einst betrieben wurde. Das neue Ärztehaus, Tiefgarage und ein modernisiertes Theater – Institutionen, von denen die Menschen eine kompetente Leistung erwarten und sich sicher und wohlfühlen wollen. Diese Emotionen kann die Gebäudehülle hervorrufen.

Geleitet durch die nicht zu schmalen Gassen schlendert man zum Marktplatz, historische Gebäude wechseln sich mit modernen Geschäften ab. Ein gutes vielfältiges gastronomisches neues Angebot schafft zudem eine lebendige Flanieratmosphäre. Verschiedene kleinere Museen (einige sind im Winter geschlossen) ergänzen das historische Stadtleben.

wp-1482178597775.jpegIn den Räumen des ehemaligen mittelalterlichen Hospitalordens der Antoniter bekommt man Teilaspekte des mittelalterlichen Lebens in Memmingen geboten. Eine kleine Ausstellung bemüht sich, das Wirken der Antoniter Ordensgemeinschaft zu veranschaulichen. Ausschließlich darauf bedacht, sich um die Erkrankten der Mutterkornvergiftung Antoniusfeuer zu kümmern, nahm sie im Mittelalter einen wichtigen karitativen wie auch wirtschaftlichen Stellenwert in der Stadt ein. Aufnahme und Versorgung im Pflegehospiz erhielt nur, wer sich einer christlichen Lebensführung und den Regeln der gläubigen Andacht befleißigte. Die für die Gottesdienste benötigten Skulpturen und Gemälde sollten möglichst eingängig erfassbar sein und die Kranken in ihrer Qual mit Kraft und Leidensfähigheit ( z.B. Colmar, Isenheimer Altar) unterstützen. Finanzieren konnte sich diese Gemeinschaft, wie die kleine Ausstellung zeigt, nur durch großzügige Stiftungen und Almosen, deren Ausgaben jedoch dem städtischem Gewerbe wieder zugute kamen. Durch ihre Spezialisierung verloren sie mit Verschwinden der Krankheit durch eine sorgfältigere Getreideproduktion ihre Bedeutung und lösten sich auf oder gingen in andere Gemeinschaften ein. Die große Bedeutung der Künstlerfamilie Strigel, die in Memmingen ihre Werkstadt führte, wird in den angrenzenden Räumen mit einigen kleineren Arbeiten verdeutlicht, auch für die ansässigen Antoniter waren die Künstler tätig. Ausgehend vom Stammvater Hans dem Älteren (nachweisbar ca. 1430-1462) erlangte sein Enkel Bernhard Strigel (1460-1528) die größte Bekanntheit und wurde als Hofmaler für Kaiser Maximilian I. auch überregional bekannt.

Memmingen ist eingebettet in den Zusammenhang von Tradition und den heutigen Ansprüchen des Lebens, schaun wir mal, wie es sich weiter entwickelt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: