Raphaela Vogel

Groß sind die Aufbauten im Kunsthaus Bregenz, mit denen Raphaela Vogel ihre Gedanken zur Lebenswelt in Szene setzt. Die Installationen fügen sich aus industriell gefertigten Objekten zusammen, mit kleinen persönlichen Details setzt sie emotionale Akzente. Höhepunkte in den Gerüstkonstruktionen können Videomonitore sein, die in der gelenkten Sichtachse auf die Filme leiten und zusammen mit den sentimentalen unterlegten Melodien die Statik etwas aufbrechen. Eher kühl jongliert sie im Raum mit ihren Werken und Motiven, deren Wesensart nicht zu Gefühlswallungen führt.

In festen Händen, 2019

Im Erdgeschoss hängen zwei große als Standplastiken gedachte Bronzelöwen von der Decke. Von Spanngurten und Ketten so gehalten, dass die Sockelplatten senkrecht aneinander liegen und die nach unten gerichteten Köpfe sich symmetrisch auf gleicher Höhe befinden. An Nasenringen befestigt baumeln zusätzlich runde Lautsprecher von den Löwenköpfen herab. Aus ihnen ertönt die nölige Stimme der Künstlerin, die das Lied Wir leben noch (Kaus Doldinger und Thomas Woitkewitsch), ehemals von Milva gesungen, interpretiert. In festen Händen nennt sich dieses Arrangement, die Deckenkonstruktion des Kunsthauses muss das aushalten können. Vor dem Amtsgericht Tiergarten in Berlin stehen ähnliche Löwen, die mit den Tatzen Schlangen nieder drücken, dort symbolisieren sie den Sieg über die Lüge, die Tugend des Gerichtswesens. Vogel interessiert sich vielmehr für die Elemente von Schwere, Stärke und Leichtigkeit, die Halterung jedoch, die dieses Mobile erst ermöglicht und gegen die Schwerkraft ankämpft, ist überraschend zweckmäßig und banal. Der Verfremdungseffekt dieser aufgehängten historisierenden Bronze im Sound einer Schlagermelodie von 1983 vollführt keinen fulminanten Befreiungsakt. Ruhe und Nostalgie treiben durch den Raum.

Untitled, 2019

Das zweite Stockwerk ist gefüllt mit verschiedensten Exponaten ihrer Arbeiten. Eine große Kunststoffspinne ruft sofort Erinnerungen an Louise Bourgeois wach – Vogels Ausführung jedoch wirkt wie eine leblose Hülle aus den 3D-Drucker geschält, auch ein Gestell mit dem Puppenkronleuchter verschließt sich und gibt nur wenig von seinem Geheimnis an die Umgebung preis. Ordentlich und steril bleiben die Arbeiten und auf Distanz zum Betrachter.

Tränenmeer, 2019

Die Videoinstallation Tränenmeer zeigt die Akkordeon spielende Künstlerin auf einem Felsen im Meer stehen. Die schnell wechselnde Aufnahmeperspektive, von einer Drohne gefilmt, projiziert eine wirbelnde tosende Wasserlandschaft, aus der die Frau herausragt. Es ist ein optisch schönes Schauspiel, bei dem die spielende Figur weder verloren wirkt noch einer verführerische Lorelei gleicht, sie trotzt vielmehr den Wellen. Vogel genügt sich selbst und benötigt keinen Dialog. Stahlrohrgestänge dienen als Träger der Lautsprecher und geben den Rahmen für den Bildschirm. Auf den Stangen kleben vereinzelte weiße Haare, die von ihrem Hund stammen – einem hübschen weißen Pudel mit roter Schleife, der während der Ausstellungseröffnung in Begleitung der Mutter der Künstlerin die Räume durchstreifte, ein Lebensbegleiter und Inspirationsgeber der Künstlerin; schließlich nennt sich die Ausstellung Bellend bin ich aufgewacht.

Son of a Witch, 2018

Den darüber gelegenen Raum füllen zwei metallene Strebewerke von Zeltbauten, die auf unterschiedlichen Höhen ineinander verschoben sind, und Haupt- und Seitenschiffe andeuten. Die Pforte markiert ein stereotypes Chinarestauranteingangsportal in weißem Kunststoff ausgeführt. Ein Massenprodukt aus dem alltäglichen Lebensumfeld wird so eingesetzt, dass es seiner Herkunft und Funktion nicht komplett widerspricht.

Berlinisches Loch, 2018

Der Film in diesem Festzelt zeigt uns die Künstlerin im Lauf durch eine Höhle, aufgezeichnet von der sie verfolgenden Drohnenkamera. Schließlich liegt sie in einem Bett wild bewegt unter den Laken und hantiert mit einem Spielzeugszepter. In kaleidoskopischen schnellen Bewegungen wechselt das Bild, die junge Frau agiert wie in einem Traum oder in ihrer Märchenwelt. Liebe oder Schmerz – ihr Gemütszustand bleibt vage, mehr gespielt als erlebt handelt sie im Klang deutscher Schlagermusik. Nichts ist unfreundlich oder bedrohlich in dieser rücksichtsvollen Vorführung – das Gegenteil der Wucht und Direktheit einer Pipilotti Rist.

Rollo, 2019

Der dritte Stock ist bestückt mit Architekturmodellen eines aufgelösten Dresdner Mini-Mondo-Vergnügungsparks. Den Besucher, der die steile Treppe heraufkommt, empfängt ein Model des Wiener Praterriesenrads, ein Synthetikstoff mit Schmetterlingsflügelmotiv ist über das Modell gebreitet. Kindliche Erinnerung aus einer fantastischen Welt flackert auf. Im Raum verteilt stehen die weiteren Miniaturgebäude, mit am Boden liegenden Stahlrohren in einen losen Zusammenhang gesetzt. Zentriert laufen die Rohre in einer Installation zusammen, die entfernt an das Atomium in Brüssel erinnern könnte. Das Symbol für Europa bleibt jedoch fragmentarisch, es steht die Dresdner Frauenkirche neben der Siegessäule in Berlin, die Towerbridge ist vertreten ebenso wie die amerikanische Freiheitsstatue. Die alten Modelle wirken angestaubt und ausgedient, ist das die Metapher für unser Europa? Der Titel dieses Raumes nennt sich Habens und Nichthabens, untermalt von den Klängen von Ain’t Got No, I Got Life.

Die populäre Jungkünsterin wirkt stark aus einer tiefen Selbstbezogenheit, die ihr die Schaffensimpulse gibt. Themen aus der aktuellen gemeinschaftlichen Öffentlichkeit entfalten sich sehr schonend. Lautstarke junge Menschen, die um eine neue zukunftsorientierte Ordnung ringen und Impulse setzen, kann man sich in der Kunstwelt von Rafaela Vogel kaum vorstellen. Es wirkt alles so fern und vom Leben entrückt, mehr Widerspruch, Utopie und Lust wünschte man sich bei dem Spaziergang durch ihr phantastisches Universum. Worauf Raphaela Vogel Ihren Blick in Zukunft fokussieren wird, möchte man mit einiger Spannung erwarten und sich überraschen lassen.

Jeden ersten Freitag im Monat Eintritt frei.

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