Thomas Schütte

In Bregenz gehört die bildende Kunst zu einem festen Bestandteil der sommerlichen Festspielzeit. Hauptanziehungspunkt ist sicherlich die Seebühne, die die Besucher zu einem großem Spektakel einlädt. Neben dem Festspielhaus und dem Stadttheater, die sehenswerte Aufführungen bieten, gehört ebenso die Besichtigung des KUB zum kulturellen Unterhaltungsprogramm der Vorarlberger Stadt. Drei Großskulpturen stehen auf dem Kornmarkt sowie vor dem Eingang des Kunsthauses und künden die Anwesenheit des Bildhauers Thomas Schütte in der Stadt an. Er wandelt durch die Kunstgeschichte, die Inspirationen aller Kunstepochen verleiten seine Gedanken zu unterschiedlichsten Ausführungen. Dem mit den Platzverhältnissen vertrauten Spaziergänger in der Bregenzer Innenstadt werden das Dritte Tier sowie der Mann mit Fahne und der Mann ohne Gesicht als Neuheiten auffallen, aber schnell ist die Verwunderung verflogen und die Figuren fügen sich in den öffentlichen Raum, ohne groß anzuecken. Diese altmeisterliche Formensprache der weich modellierten Körper und die oxidierte Bronze aus der Kunstgießerei Kayser in Düsseldorf sind unseren Augen vertraut; dass der Fahnenträger mit den Füßen in seinem Sockel festsitzt und dennoch lässig in seinem zerknitterten Mantel stoisch dem Wetter trotzt, fällt erst bei näherer Betrachtung auf. Das drachenähnliche Dritte Tier ist niedlich und die Kinder freut es; die Statue des Mannes ohne Gesicht bietet Spielraum für Interpretationen ohne zu beunruhigen. Ob diese Figuren mehr als ein Schmunzeln auf einem weiten Stadtplatz hervorrufen wird man vielleicht erst entscheiden können, wenn sie wieder entschwunden sind.

Bibliothek (1:1), 2014/2017

Im Erdgeschoss des Kunsthauses steht in der Mitte ein filigraner geschwungener Pavillon, Erinnerungen an ein Versammlungs- oder Gemeinschaftshaus aus der Südsee werden geweckt, aber hier betritt man eine Bibliothek. Die durchbrochene Konstruktion ist inspiriert vom handwerklichen Instrumentenbau. Stolz werden sämtliche Ausstellungskataloge von Schütte ausgestellt, hier wird das Prestige gepflegt und nicht kommuniziert; ein hochdotierter Künstler gewährt uns seine Aufwartung. Mag eine Ironie verborgen sein, dann ist sie sehr dezent. An den Wänden des Saales hängen große Holzschnitte – perspektivische Architekturmotive, die an historische theoretische Architekturstudien eines Sebastiano Serlio erinnern.

Woodcuts, 2011

Die großen farbigen Abzüge bringen unterschiedliche Materialstruktur durch die Oberflächen von Span- und Hartfaserplatten hervor. Penibel und haarscharf sind die Abzüge gedruckt. Wie bei allen seinen Arbeiten liegt die Ausführung zu großen Teilen in hoch spezialisierten Werkstätten – zu gern würde man Einsicht in die Abläufe der Anfertigung bekommen. Zwei farbige Glasköpfe, wie Gartenskulpturen des Jugendstils, leiten ins Treppenhaus über.

Modell Sarg (Arbeitstitel), 2017

Im ersten Stockwerk stehen nun Schüttes Architekturskulpturen. Architekturmodelle bündeln in der Regel ästhetische und technische Informationen, um eine Ausführung zu ermöglichen. Die hier platzierten Kunst-Modelle stehen auf großen unterschiedlichen Tischen im Raum verteilt und unterscheiden sich in ihrer Formensprache – konstruktivistische Bauhausmodelle, schlichte Bungalows oder ein ländliches Gehöft. Hier werden Solitäre aufgetischt, Kompositionen und Gedankenspiele, die das Œuvre des Künstlers erweitern.

Im zweiten Stockwerk betritt man einen Raum mit massiven Stahlliegen, auf denen Skulpturen verformter weiblicher Leiber liegen. Die Materialien variieren ebenso wie Verrenkungen oder Zerstückelung der Frauen. So erinnert die Stahlfrau Nr. 18 an eine bildgewordene in Stücke geschlagene Kriemhild aus dem Nibelungenlied (Zu Stücken lag verhauen · die Königin hehr.). Aristide Maillol, Picasso, Auguste Rodin und Henry Moore geistern durch den Raum, die schmerzhaften Verfremdungen erinnern mehr an Francis Bacon. Massive Sockel gehören zu Schüttes Ausdrucksmittel, sie verstärken den Pathos, hier etwas besonderes und dauerhaftes geleistet zu haben. Die dreifarbigen Tafeln an den Wänden leuchten den Raum zusätzlich aus und sind auf Harmonie und Fülle ausgelegt, weniger auf Kontrast.

Im obersten Stockwerk stehen drei große Bronzen im Dreieck zueinander – Männer im Wind. Standhafte Helden oder erstarrte und festgesetzte Figuren. Die kleinen Aquarelle von Blues-Musikern Blues Men an den Wänden spielen eine sanfte Melodie der Melancholie; dies könnte ein übergreifendes Thema sein oder auch nicht. Belebende Ironie möchte man in allen Arbeiten Schüttes entdecken, wird diese Strömung im Betrachter jedoch nicht geweckt, kann sich auch ein etwas fader Geschmack verbreiten. Der Kunsthandel liebt Schütte, seine Werke verschrecken nicht, er passt in jedes Bankenfoyer und seine Arbeiten sind zur Zeit eine gute Geldanlage. Wie die nächsten Generationen urteilen bleibt abzuwarten. Mit Thomas Schütte durch den Sommer ist einfach, Einfälle und Erinnerungen stellen sich fast automatisch bei jedem Betrachter ein.

Website der aktuellen Ausstellung, später im Archiv abrufbar.

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