Früchte im Museum der Brotkultur in Ulm

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Jörg Immendorff: Esst deutsche Äpfel, 1965

Brot ist alltäglich aber nicht banal, diesem unentbehrlichen Leitprodukt der menschlichen  Zivilisationgeschichte widmet sich in Ulm eine beeindruckende Sammlung. Das gar nicht so kleine sehr engagierte Privatmuseum der Brotkultur serviert kein trocken Brot – unterhaltsam und klug überrascht es durch vielfältige Einblicke zu diesem Lebensmittel. Willy Eiselen (1896-1981) und sein Sohn Hermann Eiselen (1926-2009) legten 1955 den Grundstein für diese anschauliche Dokumentation der Ernährung der Menschen weltweit. Das Unternehmen Eiselen vertrieb von 1926-1980 Backmittel und Grundstoffe für Bäckereien und war einer der führenden Zulieferer der Nahrungsmittelindustrie. Die Hungerjahre der Kriege prägten Vater und Sohn tiefgreifend und das Interesse, eine stabile Ernährung der Weltbevölkerung zu gewährleisten, eröffnete ihnen immer neue Sichtweisen auf das Thema Brot. Nach dem zweiten Weltkrieg gab das Buch Six Thousand Years of Bread: Its Holy and Unholy History (New York 1944) vom im Exil lebenden Schriftsteller und Journalisten Heinrich Eduard Jacob (erste deutsche Auflage Sechstausend Jahre Brot, Rowohlt Berlin 1954) den entscheidenden Impuls, die Geschichte der Ernährung durch das Grundnahrungsmittel Brot zu dokumentieren. Die vielen unterschiedlichen Gewerke und Arbeitsprozesse, die für die Anfertigung eines Brotes notwendig sind – von der Aussaat des Getreides bis zum vorbestimmten Verzehr – sind von hoch komplexen Arbeitsgängen geprägt. Diese Kulturgeschichte den Menschen aufzuzeigen und zu würdigen, lag Willy Eiselen von Anbeginn am Herzen. So begann er seine Sammlung aufzubauen und die weltumspannende Geltung von Getreideprodukten und deren lebenswichtige Bedeutung für die Menschen zu illustrieren. Nach seinen Tod führte sein Sohn Hermann Eiselen diese Aufgabe fort, setzte neue wissenschaftliche Forschungsaspekte der Welternährung hinzu und modernisierte so die Sammlung.

In Ermangelung eines weiteren Nachfolgers und Erben wurde das Unternehmen Eiselen 1980 an Unilever verkauft. Die Stiftung fiat panis, 2000 von Hermann Eiselen gegründet, finanziert das Museum und vergibt darüber hinaus individuelle Forschungsprojekte, die sich mit der Bekämpfung des Hungers und der Armut auf der Welt befassen.

Am Rande der Altstadts Ulms, im ehemaligen Salzstadel (Ende 16. Jh.) mit sehr hohem spitzen Satteldach, bereichern im Erdgeschoss regelmäßig wechselnde Sonderausstellungen die ständige Sammlung. Anbeissen – Früchte in der Kunst  (8.2. – 20.5.2018) überrascht mit Früchten – von zeitgenössischen Künstlern interpretiert. Diese besonders verlockenden Früchtchen spielen auch auf den Vanitasgedanken der überlieferten Stilllebenmalerei an, aber die veränderte Wertschätzung einer Frucht wird gleichsam in den Objekten übermittelt. Bruno Freges überdimensionale Kirschen posieren wie ein Liebespaar, ihre Stiele flirten, streben zu- und gegeneinander, sind jedoch nicht miteinander verbunden, kein einträchtiges Paar. Ai Weiweis schön glänzende Wassermelone aus Porzellan, ein Massenprodukt aus China, hier als Einzigartigkeit präsentiert, erweckt sofort den Gedanken an das rote süße saftige Fruchtfleisch des verborgenen Inneren.

 

Früchte mögen wir Genießer am liebsten in ihrem Idealzustand, voll ausgereift und noch nicht vergänglich. Bruno Peinados riesiger Apfel aus Polyester (2010), der zu einem Totenkopf zerfließt, ist weniger appetitanregend – der boshafte biblische Apfel wird hier richtig toxisch. Soll uns der rücksichtslose Umgang mit der fruchtspendenden Natur und des Streben nach anscheinend makellosen synthetischen Früchten erschrecken? Ein süßer genussvoller Jahrmarktsapfel ist das nicht. Tom Wesselmans Fruchtkorb aus Email auf geschnittenem Stahl verwandelt eine Werbezeichnung in eine Werbetafel, hübsch sauber und eingängig, aber weit entfernt von einem Naturprodukt. Die Einzigartigkeit des mühsam herangereiften Obstes ist endgültig verloren, wichtig ist nur noch das Signal von Farbe und Umriss, das uns steuern soll.

 

Die hier ausgestellten Werke stammen aus der Sammlung Stiftung für Fruchtmalerei und Skulptur des Unternehmers Rainer Wild, der auch für die Stiftung für Gesunde Ernährung verantwortlich ist. Eine reiche Ernte künstlerischer Fruchtbarkeit.

IMG_20180315_140144.jpgIm 1. und 2. Stockwerk eröffnet sich dem Besucher in der umfangreichen Dauerausstellung das weite Gebiet des Brotes. Zum Einstig eine Schautafel, die schnell über die gesteigerte Produktivität von Landwirten Auskunft gibt und sofort den Blick für unsere veränderte Welt schärft. Und mit diesem anfänglichen plakativen Wissen beginnt der Rundgang vom Getreideanbau bis zur Herstellung und Vermarktung der unterschiedlichsten Brotarten und deren Backtechniken. Die zusammengetragenen Exponate sind nicht nur informativ und anschaulich für die historische Entwicklung des Brotbackens; die geschichtlich und kunsthistorisch reizvollen Schaugegenstände erfreuen darüber hinaus und zeigen die Wertschätzung, die dem Brot zuerkannt wird. Der handwerkliche Produktionsprozess, der Einsatz von Maschinen, veränderte Anbaubedingungen des Getreides und der weltweite Handel mit den Rohstoffen – der Ausstellung gelingt es, dies unkompliziert nachzuvollziehen.

 

Man lebt nicht vom Brot alleine, gerade dies zeigt die oft brotlose Kunst. Die Ideologie, die in diesem besonderen Nahrungsmittel immer mitschwingt, lässt die Ulmer Ausstellung besondere schön erfahren. Exemplarische Exponate belegen die kulturell-ethnische sowie religiöse Bedeutung des Brotes für die Menschheit. Kunst und Politik gebrauchen das Brot als Symbolträger, um ihre Botschaft schnell und verständlich zu transportieren. Die goldene Ähre (Marcus Lüperts) und ihre veredelnde Metamorphose durch die Arbeit der Menschen gilt vielen Künstlern als das Zeichen der Zivilisation und des Schaffensprozesses. Unterschiedliche klimatische Lebensbedingungen oder religiöse Essensvorschriften spannen einen weiten Bogen um die Bedeutung dieses Grundnahrungsmittels.

Fotographien von bäuerlicher Landarbeit werden Gemälden gegenübergestellt, die das selbe Thema aufgreifen. Max Pechsteins kunstvolles Gemälde der Getreidehocken ist eine strahlende genussvollen Landschaft mit wohlgeordneter Ernte. Hier pikst und sticht kein Stroh in die Hände der Arbeiter, die diese mühevolle Ruhe herstellten.

 

Klimabedingte Ernteausfälle ebenso wie politisch motivierte Misswirtschaften, die die Menschen in Hungersnöte trieb, werden eindrucksvoll geschildert. Der Hunger, der die Gesellschaft zur Gewalt trieb, war den Politikern oft nur zu propagandistischen Mitteln dienlich, um das Volk zu beherrschen und zu brechen.

 

Die gelebte Brotkultur sagt viel über uns und unseren Umgang miteinander aus. Verabschiedet werden wir mit dem Bild von Bernd Finkeldei – was wäre wenn unser Einkaufswagen leer bliebe?

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Bernd Finkeldei: Was wäre wenn…? Acryl auf Leinwand(1947)

Siehe auch: https://hmyo.wordpress.com/2014/02/07/brotreise-1-ins-brotmuseum-nach-ulm/

Museum für Brotkultur, ein solides Haus für Neugierige.

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