Wir kreisen um eine Unvollendete – Aufstellung der Pietà Rondanini

Sockel oder Postamente von Plastiken sind nicht wirklich die Objekte, denen man in einer Kunstausstellung seine vorrangige Aufmerksamkeit schenkt. Die Basis oder der Unterbau dient dazu, das Objekt der eigentlichen Begierde zu erhöhen und empor zu heben und in Szene zu setzen. Ein guter Blickwinkel verbessert schließlich unsere Aufmerksamkeit. Dass eine gelungene Platzierung gar nicht so einfach ist, kennt jeder aus seinem eigenen Wohnzimmer. In Mailand zeigt das Castello Sforzesco die Pietà Rondanini von Michelangelo in ihrem neuen großzügigen  Ausstellungsquartier. In drei kleinen angelagerten Kabinetten überrascht zunächst die Entscheidung, dem Publikum auch die ehemaligen und verworfenen Sockellösungen für die Skulptur zu zeigen. Ein wenig von dem Ringen der Verantwortlichen ist zu erspüren, die eine geglückte Aufstellung des Exponates anstrebten.

Was ist eine angemessene Präsentation für eine Skulptur, die als die letzte begonnene Arbeit von Michelangelo gilt?

Niemand wäre wohl jemals auf den Gedanken gekommen, ein Werk Michelangelos ebenerdig mit dem Betrachter aufzustellen. Der große Künstler, der nach einer komplizierten Zuschreibungsgeschichte der Pieta nun auch in Mailand vertreten ist, verlangt nach einem gutem Platz, der auch dem erhofften Besucherandrang genügend Raum für die Besichtigung zugesteht. Diese unvollendete herbe Marmorskulptur (um 1553-1555 begonnen) fertigte Michelangelo für sein eigenes Grabmal an. In dem Marmorblock stecken die verschiedenen Arbeitsansätze und verworfenen Ausführungen des alten Künstlers und zusammen mit den Zeichnungen (Aktuelle Austellung 6. März – 2. April im Ashmolean Museum, Oxford) bietet dieses Werk einen einmaligen Einblick in einen Schaffensprozess, der immer wieder zu heftigsten wissenschaftlichen Diskussionen führt.

Als die Skulptur 1952 aus der Sammlung Rondanini in Rom das Museum der Stadt Mailand erreichte, war sie auf einem antiken Grabstein (100 AD, 89 cm hoch, 75 cm breit und 55 cm tief) montiert, der in der Nähe von San Lorenzo in Rom gefunden wurde.

IMG_20180104_124917.jpgFür die erste Sonderausstellung 1952 bis 1953 fertigte Giacomo Manzù einen Piedestal aus Sarnico-Stein an. Da diese künstlerische Steinmetzarbeit verloren ging, ersetzt heute eine stilvolle Reproduktion Manzùs Arbeit. Der massive Naturstein mit einer feinen Bossierung ist ein edles aber raues Fundament, das das Meisterwerk sicher trägt, jedoch die unvollendete Beschaffenheit betont. Vielleicht eine persönliche Zwiesprache zwischen zwei Künstlern.

IMG_20180104_124738.jpgFür die Aufnahme in der Dauerausstellung entwarfen die Architekten BBPR (Banfi, Belgiojoso, Peressutti und Rogers) eine graue Sandsteinnische in der Sala degli Scarlioni. Im Schutze dieser Apsis sollte die Marmorskulptur dort auf einem massiven rotierenden Olivenholzpodest ihren Platz finden. Diese Ausführung der dunklen sich drehenden Basis kam jedoch nie zum Einsatz. Letztendlich entschied man sich wieder für den antiken Grabstein und behielt diesen bis 2015 bei.

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Heute durchwandert täglich ein Strom von Besuchern die Kunstwerke im Castell. Der vorgegebene Rundgang führt nach dem Erwerb der Biglietti sofort zu Michelangelos Rondanini Pietà. Als ein kostbarer Solitär steht sie heute in der Mitte eines hellen lichtdurchfluteten Raumes (2015 eingeweiht im ehemaligen alten spanischem Krankenhaus) und zwingt die gesamte Aufmerksamkeit auf diese Schöpfung. Die gereinigte, nun wieder weiße Marmorfigur wird von einem runden hellgrauen Postament getragen, das in der Mitte eines Distanz haltenden quadratisch eingelegten Holzfußbodens steht. Diese moderne zurückhaltende Trommel bietet genau so viel Standfläche wie für die Sicherheit der Skulptur nötig ist und verströmt eine Dynamik, die den Betrachter augenblicklich in Bewegung versetzt, die Stele zu umkreisen.

 

Schlank, gestreckt und hochaufragend behauptet sich diese ungewöhnliche Idee einer Pietà. Der tote erschlaffte Körper lagert nicht von der Mutter Maria gehalten über ihren Knien, sondern strebt in die Höhe. Als wäre der Augenblick eingefangen, in dem der tote Christus sich seiner bewusst wird, im nächsten Augenblick den Kopf hebt, aufersteht und in den Himmel auffährt. Eine Metamorphose – die Wandlung vom Tod ins ewige Leben. Diese Schwerelosigkeit und vertikale Betonung verstärkt die hier gewählte Aufstellungsart und impliziert damit zugleich eine Interpretation. Der überzählige Arm einer verworfen Ausführung, die grob vorbearbeiteten Flächen, gerade diese Unzulänglichkeiten sind die Zugkraft für unsere Kopfarbeit.

Castello Sforzesco: Pietà Rondanini

Castello Sforzesco: Pietà Rondanini

Ein jeder Unterbau erfüllt diverse Funktionen, schützt und isoliert die Skulptur physisch,  erhöht aber zugleich die sinnliche Wahrnehmung durch eine kultivierte und akzentuierte Blickregie. Möglichst stilvoll aufeinander abgestimmt wird das Objektes zum einzigartigen Blickfang. Die unterschiedlichen Basismöbel der Pietà weisen nicht nur auf den Wandel des stylisch-modischen Geschmacks hin, sondern dokumentieren auch die veränderten Ansichten über diese Michelangelo zugeschriebenen Skulptur.

Die mächtigen, ausladenden Vorgängersockel schwächten die attraktiven Merkmale der Pietà. Die Materialgleichheit des antiken Sockels, der Glauben an eine antike Nähe und das intuitive Empfinden, mit diesem Grabstein das Werk angemessen zu zeigen, führte zu der schicksalhaften Verbindung, die dann bis in unsere Zeit historisch beibehalten wurde. Die Zwischenlösungen, viel zu massiv und eigensinnig, ließen die Funktion der michelangelesken Grabfigur verschwimmen, so dauerte es lange, bis man eine neue Lösung fand. Die neu gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse sollten ebenso einfließen wie das veränderte Stilempfinden der Besucher. Eine klare, eindeutige und schnelle Aneignung wird von vielen internationalen Reisenden bevorzugt.

Die Plastik hat nie ihren ursprünglichen Bestimmungsort gefunden, aber die intensive Beschäftigung der Verantwortlichen gibt ihr nun eine Heimstadt mit Freiraum für Entdeckungen.

 

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