Tintoretto und/oder Rosenquist in Köln

TINTORETTO_ROSENQUIST

Noch bis in den Januar hinein wird zwei sehr ausdrucksstarken Künstlern in Köln eine große Bühne geboten.

Der Italiener Jacopo Tintoretto wirkte im 16. Jahrhundert und James Rosenquist im 20. Jahrhundert der USA. Aus dem Anlass zweier Werkschauen weilen besonders viele großartige Kunstwerke in der Stadt, die extra aus der ganzen Welt angereist sind. In der grauen Winterszeit kann der Besucher dort in Formen und Farben schwelgen, versetzt in einen Hain sehr unterschiedlicher Sinnesempfindungen. Folgt man den persönlichen Vorlieben oder spürt man lieber dem Kontrast nach, eine Bereicherung in jedem Fall. Mit Sicherheit gelten beide Künstler Tintoretto und Rosenquist als zwei große ihres Fachs, aber sind es auch Giganten?

Jacopo Tintoretto – A Star was Born

Das Wallraf-Richartz-Museum feiert den 500. Geburtstag des Venezianers Jacopo Tintoretto (1518-1594) dem eigentlichen Jubeljahr 2018 vorausgehend mit einem feinen detailreichen Konzept, in dem die mitwirkenden Wissenschaftler kollegial ihre neuen Erkenntnisse den Besuchern vorlegen (Katalog). Grundgedanke ist es, Anfang und Beginn der meisterhaften Karriere des Malers nachzuzeichnen. Vielen Venedigbesuchern ist Tintorettos Œuvre aus dem Dogenpalast (Paradies an der Stirnwand im Saal des großen Rates) oder der Scuola di San Rocco sowie dem Wimmelbild des Mannaregens in San Giorgio im Gedächtnis haften geblieben. Es galt nun zu zeigen, wie er wurde, was er ist, ein überaus individueller eigenwilliger Könner seines Faches. Ob Tintoretto in die Populärkultur Einzug hält und stilprägende Besonderheiten schuf, wie der Titel „A Star was Born“ suggerieren soll, wird das nächste Jahr mit seinen vielen Sonderausstellungen zeigen.

Ein reger italienischer Kunstbetrieb in der Lagunenstadt des 16. Jahrhunderts, dessen Wertmaßstab und Güte sehr vom Großmeister Tizian beeinflusst wurde, setzte ein marktwirtschaftliches Konkurrenzverhalten unter den Künstlern voraus. Ein jeder Protagonist musste sich behaupten, Tintoretto wollte nicht die stille Andacht stimulieren, sondern mit seiner Malerei Dimension sprengen, aufregen, begeistern und wenn nötig bis zur Bewusstseinserweiterung verstören.

Er setzte auf überraschende Bildkompositionen, kräftige Farben und dramatische Bewegungen. Begeistert von Theater soll man den Krawall in seinen Bildern auch hören und das Himmlische, für den irdischen Menschen nicht sichtbare, erblicken können. Zeitgenossen und Freunde bekundeten ihm zwar ein großes Talent, werteten seinen Malstil jedoch oft als zu flüchtig und seine Bildaufbauten unkonventionell und unausgewogen. Trotz der Kritik wurde gerade dies zu seinem Alleinstellungsmerkmal. So gut es eben die schriftlichen Überlieferungen hergeben spürt man in Köln den Jugend- und Lehrjahren nach, beleuchtet seine menschliche Persönlichkeit, um den Ausgangspunkt von Stil und Bildkomposition seiner künstlerischen Neigungen zu finden und den Niederschlag in seinen Werken zu bestimmen. Tintorettos Herkunft aus einer Färberfamilie, nicht eben ein angenehmes komfortables Handwerk, macht er zu seinem namensgebenden Markenzeichen – Corporate Identity – wie Guillaume Cassegrain klarlegt (Katalogtext: Tintoretto wie gerufen). Ein Brand, das auf den frühen Arbeiten fehlt und so manche Einordnung erschwert. Und so liegt ein Schwerpunkt der Tintorettoforschung darauf, Zuschreibungen zu sichten und ungesicherte Gemälde neu zu bewerten. Und hier macht es besonderen Spaß, auch für den ungeübten Besucher, die Exponate den bereitgestellten Vergleichsobjekten gegenüberzustellen und den Verlauf von möglicher Inspirationen bis zur bildlichen Ausführung zu begleiten. Der eigenen Wahrnehmung sollte man Raum lassen, sie anerkennen und im Geiste mit den Experten diskutieren. Folgt man diesem Impuls, erschließt sich diese Ausstellung in ungewöhlich anregender und erkenntnisreicher Weise. Die einzelnen Themenschwerpunkte sind klar formuliert und räumlich übersichtlich unterteilt.

Diese ertragreiche Reportage über den Lebenslauf Tintorettos blättert der Kurator Roland Krischel überlegt auf. Seine verehrende Zuneigung und jahrzehntelange Beschäftigung mit Tintoretto überträgt sich Schritt für Schritt auf den Besucher. Er leitet ihn an, den wissbegierigen jungen Maler zu entdecken, der ohne großen Bildungshintergrund alle Anregungen aufsaugt, die sich ihm bieten und die er für notwendig hält, um in dem Gewerbe zu bestehen und seine Karriere üppig gedeihen zu lassen.

In welcher Beziehung stand Giovanni Galizzi (ca. 1523/25-1565), dessen wenige gesicherte Bilder in der Ausstellung mit Tintoretto verglichen werden. Der Maler aus der Nähe von Bergamo kann als ein begabter Handwerker bezeichnet werden, jedoch nicht virtuos. Vielleicht lernten die beiden Männer sich während der kurzen Lehrjahre Tintorettos kennen und blieben einander verbunden. Mit zunehmendem Erfolg Tintorettos ging ihm Galizzi mit einfachen Arbeiten zur Hand, so dass sich immer wieder Qualitätsgefälle in einzelnen Werken finden. Vieles spricht für einen kooperativen und arbeitsteiligen Schaffensprozess als gängige Arbeitsweise in den Werkstätten Venedigs.

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Tintoretto: Liebeslabyrinth, 1538-1552, Öl auf Leinwand,147,4 cm x 200 cm

Das Liebesabyrinth, eine Allegorie auf das menschliche Leben, wird wieder als ein frühes Werk an Tintoretto zurückgegeben. Aus Königin Elizabeths Sammlung in Hampton Court Palace stammend, schmückt es die Frühphase des Malers mit einer besonderen Augenweide. Die friedliche Picknickatmosphäre in der zarten geordneten Vegetation verheißt eine frohlockende Lebensperspektive für jene, die sich nicht scheuen, einen langen Weg zu beschreiten, um Erfahrungen zu sammeln. Der Zauber dieses Auftaktwerkes – wahrscheinlich zu einer Hochzeit angefertigt – verschließt sich auch dem modernen Betrachter nicht.

Die Begeisterung für diesen venezianischen Maler gipfelt in den spektakulären Ausführungen bekannter Geschichten. Der Heilige Ludwig, der Heilige Georg und die Prinzessin, aus der Accademia in Venedig angereist, zeigen eben ein solches althergebrachtes Thema in einer grandiosen Vollendung.

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Tintoretto: Der Hl. Ludwig, der Hl. Georg und die Prinzessin, 1551, Öl auf Leinwand, 226 cm x 146 cm

Die Prinzessin sitzt gelöst und selbstbewusst auf dem getötetem Drachen, dem die abgebrochene Lanze noch im Kopf steckt. Ihr Gesicht und die Haut ihrer weißen Schultern strahlen ihren Arm hinunter bis zu ihrer linken Hand, mit der sie das Halsband des vorgeführten Drachens als Symbol des Bösen mit Leichtigkeit und Eleganz darbietet. Sie ist Siegerin und Protagonistin des Bildes. Gottesfürchtig und tief gläubig schenkte ihr Gott die Errettung in der Gestalt des Heiligen Georg, durch den er wirkte. Mit offenen zum Himmel erhobenen Armen nimmt Georg das Wunder und die Gnade Gottes an. Der Heilige Ludwig begleitet kontemplativ die Szene. Das Gewand demütig und bescheiden gerafft, schaut er auf den Drachen hinab und gedenkt Gottes mächtiger Größe. Die beiden Heiligen sind Namenspatrone der Auftraggeber des Gemäldes, sie sollen würdig repräsentiert sein und zugleich wird klargemacht, dass ohne Gottvertrauen gar nichts geht in der Welt. Der Prinzessin verkörpert diese unumstößliche Hingabe. Ihre Person spiegelt sich in der Rüstung des Heiligen Georgs wieder, ihre Frömmigkeit überträgt sich auf die Anwesenden, auch auf jene, die vor dem Bild stehen. Tintoretto zeigt hier, was er kann – Dimensionen überschreiten, Bildaussage, Betrachterebenen und Glaubensebene erweitern und vertiefen. Diese dominante Frauenfigur übertrifft die optische Kraft einer Assunta von Tizian und Veroneses Raub der Europa. Formal ähnliche Formspielereien werden mit anderen Intentionen verbunden.

Das Selbstportät Tintorettos zeigt uns einen jungen Mann mit ernsten wachen Augen, seine Augenlider sind vom Arbeiten gerötet, sein Mund von seinem Bart fast vollständig verborgen. Sein Ohr lauscht auf alle Eingebungen.

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Tintoretto: Selbstbildnis, 1547, Öl auf Leinwand, 46,3 cm x 38,1 cm, Philadelphia Museum of Art

Seht her! – Ich höre und sehe und ihr seht mich – das kann ich sehr gut, es ist meine Bestimmung.

James Rosenquist – Eintauchen ins Bild

Im Museum Ludwig knallen uns die riesigen farbigen Collagenbilder des amerikanischen Popartkünstlers James Rosenquist (1933–2017) vor den Kopf.

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Eintauchen ins Bild, so lockt uns Rosenquist und liefert auch gleich in diesem Untertitel die Gebrauchsanweisung zum Besuch dazu. Nicht so populär wie sein Zeitgenosse Andy Warhol, doch wird sofort klar, hier kann man was erleben, ein Bilderrausch von beeindruckender Farb- und Formkompositionen in wandfüllenden Formaten. Der gelernte Plakatmaler setzt nicht auf Abgrenzung oder gar Abkehr zur Werbewelt und den neuen Massenmedien, sondern befreit sich aus den Zwängen, indem er noch eins draufsetzt. Er vergrößert einzelne Bildmotive aus der Gebrauchsgraphik, kombiniert sie neu, bindet malerische Elemente ein und erschafft phantastischen Seelenlandschaften. Unsere Sehgewohnheiten sind vertraut mit diesen klar sich abgrenzenden Übergängen und Inventionen aus der Werbung, aber neben diesen übermenschlichen großen Formaten werden wir verkleinert und können in dieses bunte Universum eintauchen – wie ein Astronaut im Weltall träumt man von fernen Galaxien. Seine individuelle Freiheit fand Rosenquist nicht wie die Künstler der italienischen Kunstbewegung Arte povera der 1960er – 70er Jahre in der Abkehr von massenwirksamen Materialien und Kommerz, die die US-amerikanische Konsumkultur bot, sondern er verstärkt die Wirkung der pop-bunten Fotographie durch Vergrößerung. Viele Vorarbeiten und Studien zeigen, wie akribisch Rosenquist seine Arbeiten plante und anging. Häufig verwendete er Motive aus dem Life-Magazine. Dieses Handwerk der Hochglanz-Ästhetik schafft er durch überraschende Verschiebungen und provoziert die Wahrnehmung. Riesig vergrößerte Spaghetti in Tomatensauce oder Bacon im Weltall entwickeln ein erschreckendes Gewaltpotential.

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Jacopo Tintoretto: 6. Oktober 2017 – 28. Januar 2018 in Köln Wallraf-Richartz-Museum

6. März – 1. Juli 2018 in Paris, Musée du Luxembourg

James Rosenquist: 18. November 2017 – 4. März 2018 in Köln, Museum Ludwig

14. April – 19. August 2018 ARos Aarhus Kunstmuseum Dänemark

Zu Tintoretto siehe auch „Retrospektiven“ und „Art in Words“.

Zu Rosenquist siehe auch „Retrospektiven“.

 

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