Ein geschichtsträchtiger Blickfang in Triest

Hoch oben auf dem Berg über der schönen Stadt am Meer ragt aus dem dichten Wald eine stumpfe graue Felsspitze. Der monolitische Felsen ist jedoch nicht aus Karstgestein, sondern die aus Stahlbeton errichtete gewaltige Wallfahrtskirche Tempio Nationale Maria Madre e Regina. Dort oben auf dem Monte Grisa Santuario wacht sie die über das italienische Triest. Von hier schaut man hinunter durch das waldige Gebirge auf die unendliche Fläche des Meeres. Die Kraft des Ortes ergreift, beflügelt und trägt die Seele hoch hinaus in die Weite der Welt. Ein Sehnsuchtsort, der eine Hafenstadt für das verlangende Fernwehs fordert und zugleich dem herrlichen Höhenzug den Respekt abverlangt.

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Hier in dieser eindrucksvollen Naturkulisse steht dieser riesige kühle Baukomplex. Erst nach und nach beim Auf- und Umschreiten erschließt sich langsam seine Gesamtheit. Keine traditionelle italienische Kirchenfassade begrüßt den Reisenden, sondern eine dominante Architektur von gerader geometrischer Kontur, auf rechtwinkligem Grundriss. Zwei sich überlagernde Pyramidenstümpfe, ein großer Polyeder und ein kleinerer, nach rechts davor verschoben, bilden die Eingangsfront. Durchbrochene Flächen tiefer plastischer Dreieckswaben in Kombination mit glattem Sichtbeton charakterisieren einen strengen funktionalen Stil. Der Verzicht auf formale romantische Attitüden und die konstruierte Klarheit sind die Attribute der Ingeniersbaukunst der Moderne. Stände nicht ein zurückhaltendes schlankes Kreuz auf dem großen Dreiecksstumpf, könnte das Gebäude durchaus ein modernes Kongresszentrum oder ein profanes Versammlungsgebäude sein. Das ist keine Architektur, die sich einschmeichelt, sie will errungen und respektiert werden.

Dieses gewagte Bauprojekt setzte Antonio Santin, der Bischof von Triest und Capodistrien um 1960 durch. Während des zweiten Weltkriegs mühte sich Santin mit großem persönlichen Einsatz, die Stadt und die Bewohner ungeachtet ihrer Konfession und Herkunft vor Schaden zu bewahren. Über die Unzumutbarkeit der Rassengesetze der Nazis trat er persönlich bei Mussolini ein. Nach Rom zitiert bekräftigte er seine Meinung, dass die faschistische Politik ungerecht, inhuman und unchristlich sei, somit ein Affront gegen den christlichen Frieden in Italien. Mit Hilfe seines lokalen Netzwerkes zu jüdischen Gemeinden und den slowenischen Nachbarn konnte er vielen Bedrängten helfen, auch wenn er das Todeslager Risiera di San Sabba in seiner Brutalität nicht richtig einschätzte (Lit.: Maura Hametz; „Leben im Blut“ in der schönen Stadt. Juden und Nationalsozialisten in Triest 1943-1945; in „Alltag im Holocaust“, S. 217).

Die ehemals österreichische Handelsstadt Triest wurde nach der Kapitulation Mussolinis 1943 von der deutschen Wehrmacht besetzt und Operationszone des adriatischen Küstenlandes. Die deutschen Truppen lieferten sich erbitterte Kämpfe mit den jugoslawischen Gruppen Titos um die Vorherrschaft über Triest und Umgebung. Zunehmend steigerten sich die tosenden Schlachten und es war zu  befürchten, dass die totale Zerstörung von Stadt und dem strategischen Hafen nahte. Verlören die Deutschen diese Gebiete, sollte dieser Stützpunkt mit dem Hafen vernichtet werden. In seiner seelischen Not gelobte Antonio Santin, eine Kirche bauen zu lassen, würde die Stadt von der Zerstörung verschont bleiben. Nachdem sein eindringlichster Wunsch sich erfüllte, setzte er sich unermüdlich für seinen Gott versprochenen Kirchenbau ein. 1945 wurde Triest neutrales freies Territorium, Zone A britisch-amerikanisch verwaltet und Zone B jugoslawisch. 1954 kam es zu Italien und wurde 1962 als Hauptstadt von Friaul-Julisch-Venetien anerkannt.

1959 erhielt Antonio Santin endlich von Papst Johannes XXIII die Erlaubnis, seine Kirche zu errichten. Unter dem Schutze der Mutter Maria sollte ein Ort für eine friedliche Zusammenkunft im Zeichen des Friedens und der Völkerverständigung und Toleranz der verschiedenen  Sprachgruppen entstehen. Keine Gedenkkapelle im urbanen Stadtgefüge, sondern ein Gebäude – gleichermaßen Repräsentant für Stadt und Land – entrückt und imponierend zugleich. Die ersten Vorbereitungen für dieses Monument lieferten Umberto Nordio und Adalberto Libera, schließlich bekam der Triester Hochschullehrer Antonio Guacci (1912-1995) den Auftrag und schuf italomodene Architektur. Eine Gedächtniskirche ohne rückwärtsgewandte Ideologie und so wird kurzerhand die stumpfe Spitze der Pyramide nach innen gestülpt und in den Raum gehängt. Eine Trutzburg in Wind und Wetter für Weltoffenheit und Stärke.

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Guaccis gestalterisches Interesse lag auf den geometrischen Grundformen Quadrat, Dreieck und Kreis. Hier bekommt das Dreieck seinen großen Auftritt, vom kleinsten Modul bis zur großen Gesamtkonzeption des Baus. Der Gedanke der Dreifaltigkeit Gottes verschmilzt in dem Dreieck mit der Idee des geschliffenen solitären Diamanten, der die Jungfrau Maria symbolisiert und ihre Herrlichkeit preisen soll, ohne aufdringlich daher zu kommen. In der Abkehr von überlieferten Formen und Material entsteht 1963-66 diese Kirche, die die neue Zeit repräsentiert und den fürchterlichen zweiten Weltkrieg mitsamt Hass und Feindschaft überwinden hilft; eine stattliche Brutalismusarchitektur in wohlgeordneter Ausführung. Nicht die Spannkraft und Elastizität der Architektur eines Pier Luigi Nervi (z.B. Palazzzetto dello Sport in Rom) interessiert Guacci, sondern die Festigkeit und Beständigkeit eines Felsens.

Das Grundmodul der Dreiecke strukturiert auch die Innenräume der Oberkirche; versetzt in eine riesige Bienenwabe fühlt man sich geborgen aber auch winzig. Dies ist eine bewusste Intention der Kirche der Maria, die Bienenkönigin beschützt den Staat, beschert himmlische Gaben und den Nektar für die Betenden.

Der helle aber nicht strahlend weiße Sichtbeton verleiht den Faltungen und Höhlungen der Halle eine schlichte Eleganz, die Wachsamkeit einfordert, ohne kalt und abweisend zu wirken. Auf die Verwendung von Farbe wird fast vollständig verzichtet, nur die leuchtend roten Sprossen der Eingangspforte weisen den Weg in die schützende Halle, bunte Gläser des Altarkreuzes und ein Wandgemälde sind die wenigen farbigen Aspekte in der Oberkirche. Auch die Verglasung bleibt transparent und so durchflutet helles Tageslicht den Raum, während die schiffsrumpfartige Unterkirche gedämpt beleuchtet wird.

Nachkriegs- und Erinnerungskirchenbauten wie die Matthäuskirche in Pforzheim (1951) und die Kaiser-Wilhelm Gedächniskirche in Berlin (1957), beide von Egon Eiermann, arbeiten auch mit dem modernen Serienmodul. Die dort verwendeten Quadrate bezaubern jedoch durch die aufwendigen farbig eingefassten Glasbausteine, die ein magisches Licht in die Räume werfen. Diese sakrale Lichtregie schließt an die traditionelles Gestaltungselemente der Kirchenbaugeschichte an.

Guaccis farblose Klarheit lässt die Besucher nicht in versunkene Träumerei abgleiten, sein Raum fordert persönliche Stellungnahme. Ohne zusätzlichen Dekor, nur mit den kraftvollen Rasterflächen in den variierenden Höhen von Haupt- und Seitenkapellen formt er diesen organisch-kristallinen Raum, die durchlässigen Fensterwaben kontrastieren mit den geschlossenen Waben.

Das Dreieck löst sich aus seiner rein statischen Funktion und avanciert zum allumfassenden Gestaltungselement. Auf der Spitze balancierend verkörpert es Anmut und Leichtigkeit. Freundschaftlich schmiegt sich das Dreieck so vollkommen an seinen gleichen Nachbarn und verwandelt sich im Zusammenschluss in die Fläche eines fließenden Netzes und bietet die Chance zu den schönsten Formen. Fraktal aufgespalten kriecht das Sierpinski-Dreieck tief in unsere Gedanken und dringt in die Unendlichkeit vor. Vom einfachen Dreiecksgiebel der Antike bis in die hochtechnologische Neuzeit der Architektin Zaha Hadid, die in dem Openhaus von Guangzhou ein besonders prominentes Beispiel der zeitgenössischen Dreiecksform realisierte, schreibt sich diese Entwicklung fort.


Quelle: designboom: zaha hadid architects: guangzhou opera house.

Quelle: designboom: zaha hadid architects: guangzhou opera house.

Der Gewalt der Naturkräfte auf dem Monte Grisa ausgesetzt war die Gebäudehülle des Triester Santuario Nazionale durch die Jahre heftig zerschlissen. Eine umfassende Restaurierung hat nun dieser einmaligen Architektur der italienischen Moderne zum Fortbestehen verholfen. Nicht jeder Besucher wird sie mögen, aber ihrer Großartigkeit kann man sich nicht verschließen.

Weitere Bilder finden sich auch im Blog-Beitrag ecophily.

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