Chur Graubünden – Ein Anreiz zur Weile

Auf dem Weg in den Süden lohnt es sich, der Alpenstadt Chur einen Besuch abzustatten. Im Alpenrheintal, umgeben von den bewaldeten Bergen und Felsen, liegt diese nette Hauptgemeinde des Kantons Graubünden. An Werktagen belebt ein geschäftiges Treiben die sauberen Gassen der Altstadt, an die sich auch ein modernes urbanes Umfeld anschließt. Vom Mittelalter bis in die Moderne bietet die Architektur ein vielfältiges Zusammenspiel. Die frühesten Nachweise reichen in die Jungsteinzeit ca. 3000 Jahre vor Christi. Der Schutzraum Welschdörfli 1986 vom Architekten Peter Zumthor schützt Ausgrabungstellen aus römischer und früherer Besiedlungszeit. Drei Holzschachteln mit Oberlicht orientieren sich an dem Grundriss der freigelegten archeologischen Entdeckungen. Für die Besichtigung liegt der Schlüssel in der Touristeninformation bereit.

Das Rätische Museum, herrlich gelegen im ehemaligen Herrensitz von Paul von Buol zu Strass- und Rietberg zeigt eine Sammlung der dortigen Kultur und immer wechselnde Sonderausstellungen. Nicht hoch genug zu loben sei die Beschränkung und Auswahl der Exponate auf wenige aussagekräftige Teile. Hier wird niemand gelangweilt – interessante bis kuriose Exponate in ansprechender Gestaltung überraschen und vergnügen den Besucher.

IMG_20170611_182641Eine Sonderausstellung über den Lokalprominenten Jörg Jenatsch (1596-1639) aus dem Dreißigjährigem Krieg, der bei einem Trinkgelage ermordet wurde, ist auch für den unwissenden Besucher spannend. 1876 baute der Roman von Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) Jörg Jenatsch zu einem schillernden Freiheitshelden mit überregionaler Berühmtheit auf. 1959 fand die erste Exhumierung durch den Züricher Anthropologen Erik Hug (1911-1991) statt, bei der die Gewänder aus dem Grab in der Kathedrale von Chur entnommen wurden, auch diese sind zur Zeit im Museum anzuschauen. Neuzeitliche Untersuchungen der DNA sowie die Rekonstruktion der Gesichtszüge von Jenatscht können in der Ausstellung plastisch verfolgt werden. Ein spannendes Geschichtserlebnis, das auch den zufälligen Besucher begeistern kann.

Grab_Jenatsch

Blick in das offene Grab, 1959

Allein das Kunstmuseum in der Neorenaissance-Villa Planta 1874-76 mit dem seit 2016 sehr sehenswertes Erweiterungsbau von Barozzi&Veiga aus Barcelona lohnt einen Besuch der Stadt.IMG_20170521_153436

Besonders eindrucksvoll lässt sich hier die Familie Giacometti kennenlernen. Der Vater Giovanni Giacometti (1868-1933), sein dicker Pinselduktus und die kräftigen Farben sind gar nicht so fern den griffigen Skulpturen des berühmten Sohns Alberto Giacometti (1901-1966). Diego (1902-1985), der Bruder Albertos, der ihm ein Leben lang bei der Ausführung seinen Skulpturen half und eigene Einrichtungsgegenstände schuf sowie der Vetter Giovannis, Augusto Giacometti (1877-1947), der der Dadaistischen Bewegung nahe stand und die abstrakten Ausdrucksweisen in die Kunst einführte – seine Glasarbeiten finden sich in Schweizer Kirchenfenstern umgesetzt (z.B. Davos, Zürich). Eine Familientradition, die von der Stärke einer künstlerischen Kraft zeugt, in der jeder seine individuelle Ausdrucksweise fand.
Im Erweiterungsbau, der unterirdisch mit der Villa verbunden ist, repräsentiert eine ausgewogene sehenswerte Sammlung Schweizer Künstler das moderne Schaffen im Land.

MaiThuPerret_EchoCanyon

Mai Thu Perret: Echo Canyon, 2006

Im Ortsteil Lacunaquartier, einem modernen Wohnbautrend (1964-72) von Thomas Domenig, das auch als Besonderheit in Chur das höchste Gebäude mit 24 Stockwerken im Kanton stellt, befindet sich das Forum Würth. Dort werden Workshops für Kinder und Erwachsene angeboten sowie wechselnde Ausstellungen, zur Zeit über der Bündener Künstler Robert Indermaur, der mit seinen menschlichen Figuren und ironischen Gestalten einen schmunzelnden Blick auf uns Zeitgenossen wirft.

Robert Indermaur: Atlanten, Lilly, Fahrenheit, Leroy, Palermo, 2014

Chur bietet noch viele andere Kultur- und Naturinstitutionen, individuelle kleine Stadtparks und nette Cafés ohne Andrang.

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