Lindau wirbt mit Paul Klee

In der diesjährigen Sommerausstellung versucht die kleine Stadt Lindau am Bodensee mit einem weiteren etablierten Künstler der Moderne an Attraktivität zu gewinnen. Wiederum hat man die wenig ansprechenden Räume im Untergeschoss des Stadtmuseums Cavazzen (Renovierung soll kommen) dazu gewählt, die Besucher anzulocken. Neu gestrichen und farblich gegeneinander abgesetzt wird gegen den schmalen Schlauchcharakter  der Raumfolge angekämpft. Hier hängen die 45, zum großen Teil kleinformatigen Aquarelle auf Karton, chronologisch dicht hintereinander.IMG_20170331_204614

Paul Klee  ist durch besonders feine und sorgfältige Zeichnungen und Malereien in farbenprächtigen Kompositionen einem größeren Publikum bekannt. Die in Lindau zusammengebrachten Exponate muten in dem gesamten Œuvre von ca. 9000 Werken (davon über 300 größere Ölgemälde) wie eine Sammlung von Studienarbeiten an, die eher für Graphikmappen geschaffen wurden. Ähnliche Studien wurden nicht selten von Galeristen und Besitzern aufwendig gerahmt, um sie repräsentativ aufzuwerten. Schon zu seinen Lebzeiten billigte Klee diese Praktik nicht immer, da sie seinem Werk nicht angemessen erschien (Kunsthändlerin Galka Schreyer, 1889-1945). In den aus konservatorischen Gründen schwach beleuchteten Kabinett-Räumen muss der Besucher schon dicht an die kleinen Malereien herantreten, um die Details erkennen zu können und Klees penibler Arbeitsweise näher zu kommen. Das beigegebene Ausstellungsverzeichnis versorgt den Betrachter mit den grundlegenden Informationen zu den einzelnen Bildwerken und hilft beim Anfreunden mit diesen geistig-seelischen Schöpfungen. Der kleine Katalog bemüht sich, die einzelnen Objekte zu beschreiben und dem Besucher eine Sehhilfe zu bieten. Nicht zu schnell sollte man sich jedoch mit den Titeln zufrieden geben, denn Klee änderte die Namen schon mal kurzerhand – auch zum Zwecke der Verkaufsförderung. Die Kennzeichnung war für ihn nicht immer zwingend und eindeutig determiniert, er konnte auch einen neuen mystischen Zugang finden.
(Eine vertiefte Behandlung findet sich bei David Polte: Paul Klees Bildtitel-Änderungen, Karlsruhe 2011 sowie Christina Kröll: Die Bildtitel Paul Klees. Eine Studie zur Beziehung von Bild und Sprache in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts, Dissertation Bonn 1968.)

Klee war ein umtriebiger Künstler, der die vorherrschenden Kunstströmungen und die tonangebenden Kunstschaffenden seiner Zeit kannte. Die für ihn bedeutungsvollen Impulse flossen in seine Arbeiten ein. Robert Delaunays Malerei und die Phase des Blauen Reiters, die erste Tunisreise, die ihm eine neue Welt eröffnete, später das Bauhaus mit seiner Lehrtätigkeit (1921-1931), viele Aspekte seines Wirkens können in dieser Stadtmarketingschau kaum gestreift werden oder bleiben betrüblich allgemein. Klees Bedeutung im Kunstbetrieb oder die Auseinandersetzung mit seinen Künstlerkollegen sowie die Anregung durch Volkskunst und ethnische Einflüsse, z. B. Berberkunst (für einen Eindruck lohnt sich ein Blick in die Schaufenster der Teppichgalerie an der Lindauer Heidenmauer) leuchten in dieser Präsentation kaum heraus. Seine Vitalität und schöpferische Harmonie herauszuleiten, ebenso seine Orientierung vom Punkt zur Linie aufzuzeigen, hätte auch den Kurzzeit-Stadtbesucher, der eine halbe Stunde voller Erwartung die Kunstwelt zu entdecken wünscht, glücklicher entlassen.

IMG_20170331_204539Für seinen Sohn Felix fertigte Paul Klee Handpuppen aus Haushaltsmaterialien für das alltägliche Theaterspielen an (von ehemals etwa 50 Exemplaren sind noch 30 in Bern erhalten). Von 20 Originalpuppen wurden um 20 Prozent vergrößerte Repliken hergestellt (sie sollten von Erwachsenenhänden gespielt werden können und die eindeutige Unterscheidung zur Urfassung gewährleisten), um sie für ein aktuelles Puppenspiel zu verwenden. In Lindau stehen drei Repliken in Schaukästen zur Ansicht. Fotografien oder eine Filmeinspielung mit den außergewöhnlichen Puppen in Aktion hätten eine Brücke zwischen Kunst und privater Lebensweise des Künstlers plastischer und lebensnaher versinnlicht und großen wie kleinen Besuchern eine Inspiration zum eigenen Gedankenspiel geschenkt.

Viele gut kuratierte internationale Sonderausstellungen mit klugen Analysen befassen sich seit Jahrzehnten mit der Kunst Paul Klees (z. B. Paris Centre Pompidou 2016). In Lindau zeigt man, was man kriegen kann und versucht sich an einem Bezug zur Stadt (vom Hafen setzte Klee mit dem Schiff in die Schweiz über) und ist bestrebt einen recht ordentlichen Eindruck zu hinterlassen. Wer Paul Klee kennt und schon viel von ihm gesehen hat, kann die ausgestellten Schöpfungen ein- und zuordnen und seine Einsichten gewinnen, wer sich überraschen lassen will, wird nicht augenblicklich emotional ergriffen. Lindau möchte immer gediegen daherkommen, aber vielleicht ginge es hin und wieder auch etwas jugendlicher und frischer.

8 Euro kostet der reguläre Eintritt in Lindau, für 10 Euro (Sonntags nur 1 Euro!) lockt die Pinakothek der Moderne in München mit 33 Klees und mehr – oder wer es konzentriert mag – im Zentrum Paul Klee in Bern für 24 CHF.

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