Videokunst von Rachel Rose in Bregenz

Videokunst im KUB in Bregenz, drei Stockwerke, drei Videos mit je ca. 10 Minuten Länge von der Künstlerin Rachel Rose aus New York, die jüngste Künstlerin – 30 Jahre, die je im KUB ausstellen durfte, schöpft aus der Historie.

Rachel Rose: A Day in the Life

Rachel Rose: A Day in the Life

Im Erdgeschoss steht dicht vor der westlichen Raummauer eine Glaswand. A Day in the Life 2017 (6,2 m x 14,562 m) aus rechtwinkligen Rahmen. Jedes Fenster ist mit einem kleinen farbigen unscharf wiedergegebenen Versatzstück aus mittelalterlichen Glasfenstern bestückt. Wer das Haus nicht kennt, könnte annehmen, es gehörte zur ständigen Ausstattung. Peter Zumthors Kathedralarchitektur behält jedoch die Oberhand und spielt die Bildchen an die Wand, der Rest ist weite Leere.

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Rachel Rose: Palisades in Palisades

Erstes Geschoss, eine freistehende Projektionsfläche steht im Raum, bespannt mit speziell gewebtem durchscheinenden Material, durch das von hinten wabernde Lichtfelder zu beobachten sind. Davor ein dünner Teppich (10,67m x 10,67m) mit zwei großen Lautsprecherboxen (0,91m x 0,91m x 2,10m ) aus feinem Vogelbeerholz – da der Raum abgedunkelt ist, wirkt alles nur grau. Mos NY ist für diesen reduzierten und simplen Aufbau verantwortlich. Auf dem Teppich Platz nehmen mag kaum ein Besucher – zu unbequem und abweisend – so wirkt die Fläche als Platzhalter und Distanzwahrer.

Die Problematik laufender Videokunst beginnt meist mit der Erkenntnis, dass man nicht weiß, an welcher Stelle der Filmes man gerade einsteigt. Während der Betrachtung der laufenden Projektion spielt die unterschwellige Suche nach den Augenblick, in dem die Wiederholung auftritt, immer mit. Zwar schwimmen dünne fusselhafte Zahlen 3 – 2 – 1 im Bild oder die Projektion zeigt zeitweise nur eine weißgraue Fläche, aber ob dies Beginn und Schluss markiert oder als eine künstlerische Sequenz angesehen werden soll, erklärt sich nicht eindeutig. Palisades in Palisades 2014, 9:27 Min (6,93m x 3,90m x 0,18m) (Erklärungen der Künstlerin) zeigen eine junge Frau sinnend in der Natur am Hudson River im Wechsel mit Bildausschnitten aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Zoomaufnahmen von ihren Wimpernschlag oder ihrem blauen Pullover blenden über in im Wasser schwimmende Bildchen von Soldaten oder Landkarten. Blutrote Farbe tropft ins Wasser und verläuft. Einige Szenen werden akustisch hinterlegt, der Wimpernschlag mit einem hellen Pling, oder Nancy Sinatras Bang Bang (My Baby Shot Me Down) wird angespielt.

Rachel Rose: Everything and More

Rachel Rose beschreibt ihren Arbeitsprozess mit einen alltäglichen oder unterschwelligem Gefühl, das sie dann in Beziehung zu einem Ort, der Geschichte und der Gegenwart setzt. Ihren Gefühlen kann man nachspüren, während die eigene Wahrnehmung die Gedanken bestimmen. Im zweiten Stock Everything and More (8,27m x 4,67m x 0,18 m) ebenfalls mit Teppich und Lautsprechern bezieht sich auf die Sinneseindrücke des Astronauten David Alexander Wolf, die er nach Rückkehr auf die Erde neu erlebte und Rose telefonisch übermittelte. Aufnahmen aus dem Nasa-Laboratorium, Menschenmengen auf einen Musikkonzert oder Luftblasen im Wasserglas und Schlieren im Milchkaffee gepaart mit Aretha-Franklin-Songs wechseln sich mit Bildschnitten und Überblendungen ab.

Im dritten Obergeschoss steht nur die Projektionsfläche im Raum (6,93m x 3,90m x 0,18m), auf der A Minute Ago (8:43 Min.) läuft. Strandleben, das durch einen Hagelschlag aufgemischt wird, und Einblicke in das Glasshouse des Architekten Philip Johnson, der schattenhaft durch das Haus wandelt. Das einzige Gemälde in diesen Pavillon – Landschaft mit Bestattung des Phocion von Nicolas Poussin – wird mit Filmschnitten mit der wahrhaftigen umgebenden Landschaft in Szene gesetzt. Innen- und Aussenwelt sollen verschwimmen. Hinterlegt wird dieses Video mit den minimalistischen Kompositionen von Steve Reich.

Rachel Rose: A Minute Ago

In allen drei Videos sollen Vergangenheit und Gegenwart zusammen wirken. Man spürt schon die Freude an der schöpferischen und technischen Betätigung, einen Ort und ein Ereignis historisch aufzuarbeiten und sie in einer filmischen Kollage zu verpacken, es entspannt sich jedoch keine überspringende menschlich Leidenschaft.

Vergangenes und Gegenwärtiges miteinander zu verknüpfen ist auch ein Stilmittel der Videokünstlerin Beryl Korot, ebenfalls aus der New Yorker Kunstszene und Ehefrau von Steve Reich. 1998 entstand in Zusammenarbeit mit ihrem Mann die Video-Oper Three Tales (Uraufführung Wien 2002, zum 80 Geburtstag von Steve Reich Aufführung in Wuppertal). Diese drei Geschichten nehmen Bezug auf das Luftschiff Hindenburg, zweitens die Atomtests im Bikiniatoll und drittens das Klonschaf Dolly.

Hier mögen Anregungen und Inspirationen für die Arbeiten von Rachel Rose aufkeimen, man wünschte sich jedoch eine frischere und kraftvollere Umsetzung ihrer Gedanken. Unaufgeregt oder etwas zu distanziert – fast retrochic flackern ihre Videos über die Leinwände. Vielleicht zähmt die Kunsthistorikerin in Ihr (erstes Studium) die kreative Künstlerin. Die imponierende Architektur des Kunsthauses ist zudem nicht leicht zu bespielen, ein intimerer und lockerer Rahmen ließe diesen jungen Projekten mehr experimentelle Luft.

Es wird spannend, Rachel Rose in ihrer zukünftigen Entwicklung zu verfolgen und zu sehen, welche Wege sie beschreiten wird.

Ein wenig mehr Kuratorendienste hätten den Besucher erfreut. Kein einziges Sitzmöbel soll die Räume stören, aber die Möglichkeit, den begleitenden Katalog in Ruhe zu erkunden, wäre angenehm. Ein Video mit einem Statement der Künstlerin und ihren Schaffensprozessen hätte bereichert und die Architektur nicht verletzt. Das Untergeschoss, das bei vergangenen Ausstellungen für solche Zwecke genutzt wurde, dient zum alleinigen Garderoben- und Toilettenvorraum. Ein leiser Kunsthausbesuch für stolze 9 Euro.

http://museemagazine.com/culture/2016/6/20/me-myself-i-interview-with-rachel-rose

Alle Fotos: Markus Tretter
Courtesy of Rachel Rose, Pilar Corrias Gallery, London und Gavin Brown’s enterprise, New York
© Rachel Rose, Kunsthaus Bregenz

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