Kanada Teil 2 – Ottawa

Ottawa, die kleine Hauptstadt Kanadas, macht Staat mit einzigartigen architektonischen Meisterwerken und bleibt dennoch ein in Teilen liebenswerter idyllischer Ort. Das Zentrum ist das historische Parlamentsgebäude, erhaben thront es auf dem Hügel Parliament Hill über dem Zusammenfluss von Rideau River und Ottawa River. Der neugotisch-viktorianische Bau mit seinen vielen Türmen geht im Kern auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück, die grünen Kupferdächer und der braune Granitstein wirken angemessen mächtig und schön – ausgewogen. Das Kernsymbol ist der herausragende runde Zentralbau der Parlamentsbibliothek mit seinen Strebebögen, Attribute einer sakralen Architektur, die sich noch an Europa orientiert. Im Zusammenspiel mit den quergelagerten Hauptgebäudeteilen verschafft dieses Tempelchen des Wissens und des Rechts dem Gebäude eine überraschende Note und wird zum besonderen Wahrzeichen Kanadas. Ein Art Heiligtum, das auch die 10-Dollarnote ziert, und immer wieder moderne Architekten beeinflusst.

National Gallery of Canada

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Der Blick über den Ottawa-River präsentiert links die National Gallery of Canada vom hochgeachteten kanadisch-israelischen Architekten Moshe Safdie (Video: moshe_safdie_on_building_uniqueness). Ihn inspirierte das Parlamentsgebäude und er entwarf eine atemberaubende Galeriearchitektur mit Langhaus und Kuppelzentralbau. Dieses beeindruckende Haus ist ein besonderer Solitär. Der gläserne Bau nimmt Ideen von Gewächshäusern auf, offen und leicht lässt er Licht und Natur eindringen und macht neugierig, wie die Aufgaben einer Kunstgalerie mit diesem Ansatz funktionieren könnten.

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Die  Landschaftsarchitektin Cornelia Hahn Oberlander (1921 in Mühlheim Ruhr) wirkte hier maßgebend an diesem Konzept von Safdie mit. In Nordamerika gilt Hahn Oberlander mit ihren Arbeiten und konstruktiven Ansätzen als eine sehr anerkannte und geschätzte Vertreterin moderner Urbanität, in Deutschland könnte diese interessante Frau mehr öffentliche Aufmerksamkeit verdienen. Nach der Pogromnacht 1938 konnte sie rechtzeitig  über England nach Amerika gelangen, studierte dort als eine der ersten Frauen Landschaftsarchitektur in Harvard (Schon früh wurde sie durch ihre Mutter für die Natur begeistert. (Beate Hahn, 1894-1970, die mehrere Gartenbücher für Kinder veröffentlichte u.a. Hurra, wir säen und ernten, 1935). Während ihres Studiums lernte sie auch ihren zukünftigen Mann Peter Oberländer kennen, einen ebenfalls in Kanada einflussreichen Architekten. Als Mutter von drei Kindern übernahm sie anfangs kleinere Projekte, für die Weltausstellung Montreal 1968 entwarf sie neue wegweisende Kinderspielplätze.

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Tom Thomson: The Jack Pine, 1916/17

Schon in den siebziger Jahren befasste sie sich mit der Begrünung von Dächern und entwarf neue Dachformen, die eine Vegetation möglich machten, um das Gebäude- wie Umgebungsklima zu verbessern – heute eine bewährte und häufig angewandte Maßnahme (sie ist auch für den Dachgarten der Kanadischen Botschaft in Berlin verantwortlich). Die Galerie in Ottawa umgibt sie mit Felsformationen, Gras und Baumbewuchs, eingebettet in die Elemente von Kanadas unerschlossen-schöner Natur. Inspirierend war für sie hier auch die Malerei der Group of Seven, die wiederum mit wunderbaren Exponaten in der Ausstellung zu sehen sind und in keiner größeren Sammlung Kanadas fehlen.

wp-1473016360196.jpegIm Inneren tritt der Besucher plötzlich unvorbereitet aus einem Kunstsaal kommend auf die von Ihr entworfenen Gärten. Weite vom Oberlicht durchflutete rechteckige Räume mit strenger geordneter Bepflanzung versetzen den Besucher freudig in eine ungeahnte Entspannung, deren Wohltat keine Espressobar erzielen könnte. Im Haus integrierte Gärten kommen traditionell aus warmen Regionen, entspannen und verbessern das Raumklima – oder dienen als Hortus Conclusus eines Klostergartens der Kontemplation und gedanklichen Erbauung. Eine wunderbare Verbindung, die dieses Museum zu einem angemessenen Genusserlebnis werden lässt.

Immer wieder gelangt man in die hohen kathedralartigen Foyers, wirft einem entspannenden Blick hinaus in die Landschaft, um dann wieder in das nächste Kunstkabinett einzutauchen. Diese Architekturschönheit ist in Wartung und Instandhaltung sicherlich schwierig und problematisch, Undichtigkeiten und Reinigung durch die Jahreszeiten bleiben eine Herausforderung, die man als Besucher leicht übersehen möchte.

Die Sonderausstellung der Barockkünstlerin Elisabeth Vigée-Le Brun (1755-1842) aus dem Grand Palais Paris, danach New York, ist noch bis 11. September 2016 mit einer beeindruckenden Auswahl ihrer Werke in Kanada zu erleben. Auf kornblumenblauem Grund kommen sie in den schönen Räumen wunderbar zur Geltung.

Der Liebreiz ihrer frühen Porträts, den ihre Auftraggeberinnen zu schätzen wussten, verzaubert noch immer. Nur das Hübsche gilt es in diesem Augenblick hervorheben, im nächsten Moment kann alles schon verflogen sein und es bleibt nur die Erinnerung. Alle Protagonisten sind gut gelaunt und plaudern mit uns unbeschwert, das war die Leistung der Malerin, die als erste Frau – mit Fürsprache der Königin – in der französische Kunstakademie aufgenommen wurde. Eine untergegangene Welt tut sich auf, deren Bedeutungen und Probleme wir nicht mit einem Blick erfassen können. Die Königin Marie Antoinette in einem zartem Baumwollkleid zu zeigen war eine Provokation. Die englische Baumwolle – Importware nach Frankreich – durfte keinen Modetrend setzen, erst recht nicht durch die Königin. Die aufgebrachte heimische Seidenindustrie musste mit einem neuen Gemälde der Königin im Seidenkleid befriedet werden. Vor der Guillotine hat es die arme Marie Antoinette nicht bewahrt und auch Elisabeth blieb nur die Flucht aus Frankreich, nach der sie sich in europäischen Herrscherhäusern ihre neuen Auftraggeber suchte. Ergänzt durch die Ausstellung Weiße Roben bekommt man einen lohnenden Zugang zu der französischen Barockmalerei und einer starken Künstlerin, in einer Umbruchzeit, in der sich auch in Kanada Franzosen und Engländer erbitterte Kämpfe lieferten und um die eigene Identität rangen. Die moderne Architektur in einem modernen Land schafft hier eine natürliche Distanz, die keinen Raum für eine verstaubte Atmosphäre gibt.

Der Künstler Chris Cran (1949 Ocean Falls, British Columbia, wohnt in Calgary, Alberta) mit seinen humorvollen ironischen Werken ist in den strahlendweißen Räumen zu Hause. Die subversive Kraft seiner Exponate zieht den Blick in eine energiegeladene Welt. Ein Künstler, der Pop Art, Op Art und Fotorealismus anwendet und immer wieder neue Strömungen verfolgt, erwartet intensive Aufmerksamkeit.

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Cris Cran: Self-Portrait Accepting a Cheque for the Commission of This Painting, 1988

Den Betrachter zu necken, ihn in seiner Wahrnehmung zu manipulieren und ihm Illusionen vorzuspielen, das ist die Intension seiner Kunst und man lässt sich nur zu gerne verführen. Es ist ein himmlisches Gefühl, von seinem breiten Grinsen gefangen genommen, mit in das Bild hineingezogen und Teil dessen zu werden und sich selber in Frage zu stellen. Ein Selbstportrait von Chris, in dem Augenblick, in dem er einen Scheck von seinem Auftraggeber für eben dieses Bild erhält, vereinnahmt mit vitalem Witz. Hier dominiert die Kunst den Kommerz und rückt deutlich in den Mittelpunkt, dass der Künstler die Fäden in der Hand hält. Wir alle sind die Marionetten, die sich fragen sollten, von wem wir bespielt werden.

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Claude Tousignant: Chromatic Accelerator, 1967

Die anerkannten ausgestellten kanadischen Künstler erfreuen bei jedem neuen Treffen.  Claude Tousignant (1932 Montreal) folgt einem Piet Mondrian und trifft mit seinen Zielscheiben in unsere Gedanken und bringt alles zum Kreisen, oder Michel Snow (1929 Toronto), der auf der Dokumenta 5 mit einigen seiner Filme vertreten war. Auch in seiner Bildserie Hawaii nutzt er sequentielle filmische Erzählweise für Perspektivveränderung auf den Leinwänden.

Canadien Museum of History

Wunderbar platziert sind auch die Gebäudekomplexe des Canadien Museum of History von 1989 auf der gegenüberliegenden Seite des Ottawa Rivers in Gatineau-Hull, Schwesterstadt Ottawas.

Wie von Wind, Wasser und Eis gefurchte Felsformationen schmiegen sich die geschwungenen und gerundeten Architekturhüllen in die Landschaft. Douglas Cardinal, ein Nachfahre der Blackfoot-Indianer, verbindet kanadische Landschaftsmotive mit der expressionistischen Architektur Europas. Erich Mendelsohns Architekturformen und seine Stromlinienmoderne sind hier wieder aufgegriffene Gestaltungselemente. Die detaillierte Bearbeitung der Steinoberfläche mit sehr feiner sorgfältiger Bossierung erzielt eine facettenreiche wertvolle Oberflächenstruktur, höchst kunsthandwerklich wird „Natürlichkeit“ erweckt.

In der Grand Hall beginnt der Rundgang über das Leben und die Kultur der indianischen Ureinwohner Kanadas. In diesem herausragenden Saal mit der großen Fensterfront fügen sich sechs Fassaden von Holzhäusern der kanadischen Indianerstämme der Westküste aneinander. Hauptattraktion sind die schmuckvollen Totempfähle, die den Hausherren und die Familie repräsentieren. Aus einem Baumstamm herausgeschnitzte und farbig gefasste Tiere symbolisieren von unten nach oben zu lesen den Bezug zu der besitzenden Familie. So beeindruckend und prächtig diese Kunstwerke sind, diese makellose Halle nimmt der kraftvollen naturverbundenen Volksgruppe ein wenig von ihrer Urkraft – ein Reservat mit Ausblick. Durch eine Hausfassade gelangt man in den Ausstellungsbereich, der das Leben und die Kultur der Native Generation so anschaulich wie möglich in ihrer Vielfalt vermitteln möchte. Schmerzlich empfindet der Besucher den Verlust dieser naturverbundenen und kulturell reichen Lebensweise.

Rideau-Kanal

Zwischen all diesen beeindruckenden Architekturen verläuft der Rideau-Kanal mit seinen zahlreichen Schleusen. 1862 während des kanadisch-amerikanischen Krieges als zusätzlicher Versorgungsstrom erbaut, wirkt er heute wie ein Wasserspiel einer herrschaftlichen Gartenarchitektur. Form follows Funktion führte dort zu einer maßstabsetzenden Eleganz. Hier manifestiert sich der überzeugende Anspruch der Bevölkerung, wichtige und nützliche Bauprojekte anzugehen, auch wenn sie grösste Anstrengungen erfordern. So entsteht wertvolle ja epochale Baukunst – schönes Ottawa!

 

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