Kanadas Osten – Bildende Kunst und Architektur – Teil 1 Toronto

Women’s College Hospital

Das Women’s College Hospital (Perkins Eastman und IBI Group Architects) in Downtown Toronto fällt auch im sonst so stylischen Toronto mit seiner ungewöhnlich sympathischen Architektur ins Auge. Die Besonderheit ist der elegante Pink Cube – ein vorgelagerter rosa leuchtender Kubus an der Eingangsfront. Zusammen mit den weiteren hohen Kuben aus Ontario-Kalkstein und Glas wirkt das Gebäude wie ein gewachsener idiomorpher Kristall. Der schimmernde pinke Raum und das Wort Women’s, das in großen klaren formschönen Aluminiumbuchstaben frei und skulptural den Eingang pointiert, lässt an der Bedeutung des femininen Hintergrundes keinen Zweifel. Diese Architektur ist zugleich ein Symbol.

Emily Stowe (1831-1903), die nach vielen Schwierigkeiten die erste praktizierende Ärztin Kanadas war und fortan die medizinische Ausbildung der Frauen vorantrieb, wurde zur Wegbereiterin dieser Institution. In der vorgelagerten luftigen Parkanlage mit einem kleiner Rosengarten finden sich Erläuterungstafeln, die auf die wegweisende Frauenemanzipationsbewegung in Kanadas hinweisen. Dieses Gebäude will sich auch in der Gestaltung gegen die herkömmlichen funktionalen Krankenhausesarchitekturen absetzen und lenkt den Focus auf die moderne Frauengesundheit mit ihren speziellen Bedürfnissen. Ein Haus, im dem man sich wünschte, es gäbe immer eine faire Zusammenarbeit von Personal und Patient.

Das Bata Shoe Museum, Textile Museum of Canada und das Gardiner Museum für Keramik kooperieren miteinander. Das unterhaltsamste ist sicherlich das Schuhmuseum, jedoch können beachtenswerte Sonderausstellungen den Besuche aller drei Häuser lohnend machen. Zu einem günstigeren Eintrittspreis lassen sie sich im Dreierpack, nicht weit voneinander entfernt, besuchen.

Bata Shoe Museum

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Im Untergeschoss begibt man sich auf eine Zeitreise, die die Veränderungen in Funktion und Mode an Beispielen historischer Schuhe zeigt. Hier finden sich auch besonders ungewöhnliche und seltene Stücke, die einen tiefen Einblick in die Wahrnehmung vergangener Generationen geben, so der Reconnaissance Boot von 1967, der für das US-Militär während des Vietnamkriegs mit einer Sohle eines Viet-Cong-Kriegers gefertigt wurde, um einen veränderten Fußabdruck zu hinterlassen und damit eine eine falsche Fährte zu legen.

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Oder die Sandalen des engagierten Politikers Pierre Trudeau (1919-2000), der durch seinen eigenwilligen Lebensstil auffiel. 1968 wurde er zum Premierminister von Kanada gewählt, erreichte die Unabhängigkeit des Landes und brachte die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen näher zusammen. Die ausgelatschten Schlappen trug er während einer vergnüglichen Reise 1948-49 um die Welt. Sie erzählen von der Lebensfreude und Neugier eines jungen Mannes, der unkompliziert entdecken will, bevor er bewertet. Verbunden mit vielen persönlichen Erinnerungen sprechen sie von einer menschlicheren Zeit, von der man sich heute so weit entfernt fühlt.

Wer häufig kalte Füße hat, kommt in der Abteilung  Arctic Footwear ins Schwärmen. Diese Schuhmode aus kalten Regionen der Erde zeigt, wie viele Gemeinsamkeiten und spezielle Unterschiede die Bewohner bei deren Anfertigung herausbildeten. Die Sammlung stellt Grönland, Alaska, Ost und West Sibirien, Sapmi und Sami gegenüber. Das verwendete Material zur Herstellung der Bekleidung stammte zum größten Teil von den erlegten Jagdtieren, so die Eiderenten, deren Haut mitsamt der Federn zu warmen Pantoffeln verarbeitet wurden.

Besonders hohe Seehundfellsstiefel wärmen die kalten Füße der Frauen. Ein eingenähtes Dreieck symbolisiert das Zelt, das fortlaufende rote Band, das bis zu den Fußspitzen verläuft, soll sie immer daran erinnern, das Feuer im Heim niemals ausgehen zu lassen. Auf den Stiefeln steht diese Symbolik auf dem Kopf, damit sie im Blickfeld der Trägerin in der richtigen Perspektive erscheint.

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um 1880

Auch die Abteilung Fashion Victims macht höchst amüsant auf Modesünden und Narreteien, die die Menschheit bewegten, aufmerksam. Der erste künstliche Anilinfarbstoff, das neue Mauve-Violett, löste eine Hysterie der Begehrlichkeiten aus. Die konfektionäre Massenproduktion drängte die Wohlhabenden dazu, sich durch besonders aufwendige kostbare Handarbeit abzuheben. Eine unterhaltende und informative Visite.

Gardiner Museum

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Chelsea-Porzellan, England

Das Porzellan- und Keramikmuseum bietet einen sehr guten repräsentativen Überblick über keramische Arbeiten rund um den Globus. Besonders ansprechend gelingt die Präsentation der wichtigsten Porzellanmanufakturen, die in Europa im 18. Jahrhundert tätig waren. Mit wenigen, aber klug ausgewählten Stücken wird hier ein kompakter und anschaulicher Überblick der jeweiligen Besonderheiten geboten, ohne mit Masse zu protzen und zu langweilen.

Textile Museum of Canada

Im kleinen Textilmuseum sind noch bis 23. Oktober Perlenarbeiten aus fünf Kontinenten zu sehen, die die Popularität der kleinen Glasperlen, je nach kultureller Tradition und lokalen Einfüssen, zum Ausdruck bringt.

Eine Stickerei von Emily Lang – Tischwäsche Wolle auf Leinen – erweckt eine Verbindung zum alten Europa. Das Werkstück wurde von der Provincial Agricultural Association of Upper Canada, Hamilton Ontario Canada um 1847 ausgezeichnet. Dieses Blumenmotiv, Berlin Work genannt, steht in der Tradition der Berliner und Deutschen Woll- und Seidenware. Diese sehr beliebten Stickgarne, Wolle von Merino-Schafen aus Sachsen, gefärbt in Berlin, boten eine große Vielfalt an Farben. Berlin war bis in das frühe 20. Jahrhundert ein Zentrum der Garnfärberei für Damenstickereien, bekannt und beliebt auch in Kanada.

Auch der neue und moderne Umgang mit Fäden und Garnen zeigt sich in einer zarten Kreation in der Austellung.

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Amanda McCavour, Neon Bloom, 2014-2015

Art Gallery of Ontario

Die AGO ist das größte Kunsthaus der Stadt. Die umfangreiche Sammlung fordert die Aufmerksamkeit des Besuchers und kostet Kraft, schenkt aber überraschende Momente. Eine Mittagspause im guten Restaurant ist angebracht, aber Achtung – Küchenzeiten beachten.

wp-1470682983555.jpegBleibt noch die den Ausstellungsräumen vorgelagerte Cafeteria. Ein filigranes Holzrippengewölbe überspannt diesen schönen Ort zum Verweilen. Die Museumsarchitektur setzt sich aus älteren und neueren Erweiterungsbauphasen zusammen. Meist wirkt alles licht und hell, die plastischen wuchtigen Treppenhäuser von Frank Gerry hingegen bedrücken und beengen den Durchgang etwas. Auch die Thomsen-Sammlung mit europäischen kleineren Exponaten vom Mittelalter bis in den Barock ermüdet leider schnell durch die sehr dunkle Ausleuchtung der Räume. Die massive gewichtige Vitrinenarchitektur zehrt an der Konzentration, man fühlt sich wie verloren im Kistenlabyrint.

Schön ist die Gemäldesammlung, besonders prachtvoll die kanadische Malerei von Tom Thomson (1877-1917) und der Group of Seven, gegründet von Franklin Carmichael (1890–1945), Lawren Harris (1885–1970), A. Y. Jackson (1882–1974), Frank Johnston (1888–1949), Arthur Lismer (1885–1969), J. E. H. MacDonald (1873–1932), und Frederick Varley (1881–1969). Sie schufen neue Ansichten der Natur, deren gewaltige Aufbruchstimmung in der Kunst bis heute begeistert. Die kraftvollen Naturschönheiten explodieren auf der Leinwand. Durch ihren Blick leuchtet das Geheimnisvolle in der Landschaft und entfacht eine brennende Sehnsucht beim Betrachter.

Dagegen wirken die früheren Bilder des Cornelius David Krieghoff (1815 Amsterdam – 1872 Chicago, aufgewachsen in Schweinfurt, sein Vater arbeitete bei Wilhelm Sattler) märchenhaft zart. Er gibt der Natur und ihren First-Nations-Bewohnern erstmals einen eigenständigen Raum. Seine traditionellen Genrebilder schildern Landschaften und Dorfszenen in europäischer romantischer Manier, die Motive jedoch zeigen ein kanadisches Leben inmitten der Naturschönheiten, belebt von den Siedlern oder Mohawks. Beliebt waren diese friedlichen Ansichten bei der bürgerlichen Mittelschicht, die Krieghoff zu seinen eifrigen Kunden zählte.

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Krieghoff-Saal

wp-1470682984515.jpegDer Museumsspaziergänger durchschreitet in der AGO abwechselnd stimmungsvolle Räume mit dicht gehängter weniger bedeutender Salonmalerei, kontrastiert von modernen weißen Räumen und avantgarder Kunst. Große rote Punkte, die vor einzelnen Kunstwerken auf dem Boden plaziert werden, künden kurze zehnminütige Erläuterungen an (Meet here at 11:30 for a 10 minute art chat) – wer Lust hat, findet sich spontan zu der angegebenen Zeit ein und nimmt teil. Tafeln mit kurzen schriftlichen Erzählungen, die über die Lieblingsbilder des Aufsichtspersonals Auskunft geben, brechen freundlich eingeübte Sehgewohnheiten auf und geben neuen Schwung im Umgang mit den Bildern; Freude und Gedankenaustausch treffen sich.
wp-1470682985040.jpegAbwechslung bringt auch die Kopiermaschine des Engländers Benjamin Cheverton (1794-1876). 1851 brachte er eine Fräse auf den Markt, die Skulpturen abtastete und eine saubere Kopie aus Alabaster oder Elfenbein herstellte. Über einen Pantografen wird die Originalform übertragen und fräst die Konturen verkleinert aus dem Rohling . Eine faszinierende und spannende Technik, die dem 3D-Drucker rund 170 Jahre später etwas von seiner Modernität nimmt. Die Fülle der so kopierten kleinen Portraitbüsten in Toronto, die sich großer Beliebtheit erfreuten, gehen auf die Sammlung von Kenneth Thomson zurück.

Ständig wechselnde Sonderausstellungen lassen das Museum nie ruhen. Eigenwillige Kunst und Künstler verbinden Länder und Zeiten.

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Vilhelm Hammershøi, Frau Rückenansicht, 1888

Der Däne Vilhelm Hammershøi (1864-1916), der in Deutschland nur an wenigen Orten zu sehen ist, konnte hier in einer Einzelausstellung entdeckt werden. Seine ruhigen, nebligen, sphärisch dichten Bilder, meist Interieurs mit Rückenansichten seiner Frau Ida, verströmen eine geheimnisvolle Magie. Zeitlich den französischen Impressionisten nahe stehend, könnte der Kontrast nicht größer seinen. Erstarrt zu absoluter Stille und in ausschließlich grau-brauner Farbpalette ausgeführt werden Assoziationen der räumlichen Isolation eines Oskar Schlemmer wach, die kompakte Bildverschleierung und die Rückenansichten eines Gerhart Richter kommen ebenso in den Sinn wie die explosive Stille und Melancholie eines Edward Hopper. Hammershøis Malerei stimuliert, weil Vieles in ihr versteckt ist.

In einem großen Raum dicht nebeneinander stehen Henry Moores maßstabsgetreue Gipsmodelle seiner Skulpturen. 1966 wurde sein „Bogenschütze“ unter großen Protesten und schwierigen Diskussionen in Toronto vor der City Hall aufgestellt, als zweiter Guss nach der Berliner Skulptur. Die gekerbten Oberflächen der hellen grauweißen Arbeiten haben eine eigenständige schöne  Ausdrucksweise, einfühlsamer und verletzlicher im Vergleich zu ihren erwachsenen Bronzegüssen. Diesen vielen alten Bekannten aus der ganzen Welt hier in Toronto zu begegnen geht auf ein Geschenk Henry Moores zurück.wp-1470682984434.jpeg

Die Beteiligung privater Sponsoren und Förderer ist im nordamerikanischen Kanada selbstverständlich, die eigene kurze historische Tradition wird durch Zukäufe ergänzt. Es versteht sich von selbst in den Räumen an prominenter Stelle unübersehbar die Namen der Gönner zu finden.wp-1470682983558.jpeg

 

ein Kommentar

  1. […] von Kanadas unerschlossen-schöner Natur. Inspirierend war für sie hier auch die Malerei der Group of Seven, die wiederum mit wunderbaren Exponaten in der Ausstellung zu sehen sind und in keiner größeren […]

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