Theaster Gates im Kunsthaus Bregenz – Sinnlich, provokant und sehr bodenständig

Das Kunsthaus Bregenz bietet derzeit die besondere Gelegenheit, in einer Einzelschau den vielseitigen amerikanischen Künstler Theaster Gates (28. August 1973 in Chicago geboren und dort auch ansässig) ein wenig kennen zu lernen. Keramik und die Stadtarchitektur waren Schwerpunkte in seiner akademischen Ausbildung, sie fließen in seine Aktivitäten ein, beschränken ihn aber nicht auf diese Disziplinen. Theaster Gates ist ein Künstler, der sich nicht so leicht auf eine Kunstgattung festlegt, ihn bewegen gesellschaftliche Gesamtkonzepte, die er in seinen Arbeiten kraftvoll vertritt.

Für die Räume in Bregenz wählte er das Thema „Black Archive“. Archivieren, also das Aufbewahren von Dingen und die darin versteckten Gedanken der Menschen sollen für das gesellschaftliche Kollektiv erhalten und sichtbar gemacht werden. Dabei geht es nicht um das Sammeln von Hochkultur-Gütern, sondern um das Alltägliche, das unser Leben begleitet. Die ausgewählten Gegenstände werden aufgearbeitet und veredelt und nun zwingen sie den Betrachter zu neuen An- und Einsichten. In Österreich führt Gates uns Mitteleuropäern auf eine ungezwungene und dennoch nachdenkliche Weise die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in seiner Heimat USA vor.

Die Ouvertüre im Erdgeschoss, hier werden alle Aspekte der Ausstellung bereits angesprochen. Als Einstieg sieht der Besucher Ausstellungselemente, die sich über die einzelnen Stockwerke weiter entwickeln. So stehen hier im Erdgeschoss ganz unspektakulär eine Barrikade fabrikneuer, original verpackter Dachpapperollen aus Vorarlberg, ein schwarzer langgezogener Keramikkopf mit zwei Gesichtern, ein Aluminiumbrett mit aufgehängten alten Illustrierten, eine schwarze ziegenkopfartige Wandmaske hängt gegenüber an der Wand. Auf dem Fußboden ein Projektor, der Teile des Films The Littlest Rebel (1935) mit dem Kinderstar Shirley Temple und dem schwarzen Tänzer Bill „Bojangles“ Robinson abspielt. Etwas verwirrend zunächst, und doch wird klar, das tiefe Schwarz ist Thema, sowohl als Farbe als auch als Metapher der Menschheitsgeschichte. Mit jedem weiteren Stockwerk erhellen sich die Hinweise und werden immer plastischer.

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Im ersten Stockwerk verordnet der Heilige Laurentius – sein Martyrium auf dem heißen Rost macht ihn zum Schutzpatron für Gewerke, die mit offenem Feuer hantieren – aufgrund seiner Arbeit sowohl als Bibliothekar und Archivar als auch Verwalter des Kirchenvermögens den Gedankengang. Ursprünglich stand die Skulptur in einer nun abgebrochenen Kirche Chicagos, hier gibt sie dem Raum in Bregenz eine sakrale Weihe für die großen sorgfältigen Dachpappe-Teerbilder an den Wänden.

Graugrüne leicht unebene Bildflächen entstehen, indem die Dachpappebahnen in Streifen nebeneinander mit Teer verklebt sind. Sehr akkurat, mal horizontal, mal vertikal, mal mit Schrägen, akzentuiert durch den glänzenden Teer, der aus den Nähten hervorquillt. Das Handwerk des Dachdeckers, welches der Vater von Gates ausübte und mit dem der Junge im alltäglich Umgang aufwuchs, wandelt er in einen kreativen Kunstprozess um, ohne die ursprüngliche Arbeitsprozesse zu verleugnen. Das Gewöhnliche und Alltägliche der harten Arbeit erfährt eine Aufwertung, malerische Qualitäten entstehen, die an Rothko und Turner erinnern.

Im zweiten Geschoss werden die neu gebundenen Magazine Jet und Ebony in quadratische Stahlrahmen eingepasst. Diese Zeitschriften richteten sich an Afroamerikaner. Jedes Jahrzehnt hat eine andere Umschlagfarbe bekommen und wird von Gates im Stile Joseph Albers in rechteckigen Farbabfolgen zusammengefügt. Die gewölbten Buchrücken bringen eine wellenförmige plastische Oberfläche in den Schaukasten, zu gerne möchte man in das „Bücherregal“ greifen und in den Illustrierten stöbern. Der Zeitgeist der schwarzen Lebenswelten und die Wahrnehmung in diesen Medien wird in feinstem Leinen archiviert. Diese gestalterische Neuorganisation mit der tradierten europäischen Kunstauffassung der Weißen Welt verstärkt nach Gates‘ Intention den emotionalen Kontrast. Die Harmonie des Raumes mit akkuraten sauberen Buchquadraten bricht eine Skulptur aus Teer und übereinander gelagerten Dachpappestücken auf. Die schmutzige physische Arbeit und die Schriftkultur gehören zusammen und ringen dennoch miteinander. Kunst, Form, Ästhetik und sozio-gesellschaftliche Wahrnehmung fließen immer ineinander.

Dies wird auf besonders spektakuläre Weise in obersten Stockwerk erlebt. Eine riesige schwarze Glieder-Puppe hängt von der Decke auf ein hölzernes Wippbrett herab. Der Besucher soll hier mit seinem eigenen Körpereinsatz die Figur zum Schwingen bringen. Klein und kümmerlich steht man dem schwarzen Riesen gegenüber. Stößt das Wippbrett endlich mit mächtigem Krafteinsatz die Füße der Figur an, dann schlenkern Arme und Beine wild empor und man selbst tanzt wie mit Bojangles des Films im Erdgeschoss als sein Partner. Wir sind die kleinen Kinder wie Shirley Temple und versuchen den Rhythmus zu halten und müssen uns mächtig anstrengen. Dieses Demonstrationsmodell ist eine riesige Vergrößerung eines Kinderspielzeugs, das auf dem Tisch als Original steht.


Vergrößert wurde auch die Figur des Tar-Baby – ein Nadelkissen, ein bauschiger Spitzenkörper, auf dem ein niedlicher schwarzer mit Schleifchen geschmückter Kinderkopf sitzt. Gates vergrößert auch dieses Modell und nun liegt ein metergroßer schwarzer Kopf auf einem spitzengemusterten Teppich. Die Verfehlung der Nippesfigur bricht brachial in unsere Wahrnehmung und Unwohlsein verbreitet sich. Die erlittene Diskriminierung ist spürbar, aber nur Betroffene können diese komplexe Tragweite begreifen. Theaster Gates hat eine Sammlung von Negrobilia von Edward J. Williams aufgekauft, der wiederum die Objekte erwarb, um sie vom Markt zu nehmen. Die Metamorphose, die diese Teile durch die Beschäftigung von Gates durchlaufen, stößt uns auf diese Unglaublichkeit. Eine Audio-Installation und die Möglichkeit unterschiedliche Schallplatten mit schwarzer Musik zu hören, verstärkt die eigenen wahrgenommenen Gefühle. Auf einem zweiten Tisch wurde eine kleine Buchbinderwerkstatt aufgebaut. Theater Gates knüpft an seine Ausstellungsprojekte die Bedingung, an Ort und Stelle bei seinen Archivierungsarbeiten unterstützt zu werden.

Gates‘ derzeitig umfassendes Projekt betrifft die Bewahrung leerstehender verfallender alter Häuser in seiner Heimatstadt Chicago. Nach der Instandsetzung und Modernisierung werden sie neuen Funktionen zugeführt und den Bewohnern des Viertels zur Nutzung übergeben. So soll sich die Lebensatmosphäre verbessern und eine weitere soziale Aufwertung in Gang gesetzt werden, ohne die alten Wurzeln zu beseitigen. Dieses Engagement ist weder einzigartig noch neu (Architekturkollektiv Assemble), aber dennoch nicht weniger wichtig. Theaster Gates treiben viele Gedanken um und er setzt sie erstaunlich direkt in Szene, der politische Anspruch ist ihm wichtig, aber genauso wichtig ist eine ästhetische Überraschung, und mit Leichtigkeit bekommt er die Interessierten zu fassen.

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