Lights Are The Girls Best Friend – Pipilotti Rist

In Zürich entführt uns die Ausstellung von Pipilotti Rist in ihre magisch schimmernde Welt. Die Beleuchtung wird zu einem Schwerpunktthema, setzt wichtige Akzente und schafft in ihrer Gesamtheit eine herzliche Ausstrahlung. Diese Wohlfühl-Lichträume bringen das gewöhnliche Leben zum Glühen ohne zu blenden. Und dennoch befindet man sich nicht in einer verspielt verträumten Märchenwelt.

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Durch einen dunklen Vorhang hinein ins Unbekannte und sofort unmittelbar vereinnahmt in der „Verwaltung der Ewigkeit“ (2011). Auf herabhängenden unregelmäßig versetzten Tüllgardinen werden Filmeinspielungen projiziert, Landschaften und Gräser – Schafe laufen über die hauchzarten Bildträger. Diese transparenten Raumeinheiten durchgleitet der Besucher wie auf einem Spaziergang, immer neuen Sichtachsen folgend. Die Wanderer schreiten mit höchster Aufmerksamkeit, immer bemüht keinen anderen Besucher oder die Projektionsflächen zu touchieren. Löst diese vollendete Rücksichtnahme das zarte Naturerlebnis und seine Verletzlichkeit aus oder ist sie der Wohlerzogenheit der Schweizer Besucher geschuldet?

Sensibilisiert für die Wahrnehmung dieser besonderen Ausstellungswelt führt der Weg in eine verdunkelte Wohnung mit kompletter Möblierung – Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Esszimmer, Balkon und Garten. 24 Stationen zeigen teils schon bekannte Werke von 1993 bis 2016 unter dem Titel „Heim“ neu zusammengestellt. Dieser Fülle muss man sich langsam annähern. Vielleicht erstmal auf dem Sofa Platz nehmen und die Gesamtheit des Arrangements aufsaugen und Orientierungspunkte an Hand der Leuchtelemente suchen. Der Ausstellungsplan und der Audioguide helfen bei einigen Erklärungen, sollten aber nicht von der eigenen Wahrnehmung ablenken. Schnell fühlt man sich eingelebt und zu Hause in dieser Umgebung vertrauer Einrichtungsgegenstände, und dennoch überfällt einen unruhige angespannte Erwartung.

„Deine Raumkapsel“ (2006) ist eine große hölzerne Reisekiste mit einem eingerichteten Teenagerzimmer. Durch eine Zimmerwand bricht der riesige Mond herein. Fußboden und Wände bersten und das Universum dringt in das Leben des Heranwachsenden. Durch die Lichtprojektion wandert die Mondabbildung durch das Zimmer. Wir schauen in eine emotionale Welt des Umbruchs. Der junge Mensch bricht auf und aus und die Alten sehen ihn auf die Reise gehen – eine stark empfundene Veränderung für beide Seiten. Gewaltige Kräfte wirken in der Kiste und dennoch wirkt es nicht roh und erbarmungslos. Noch einmal schaut man in das Bettchen des geliebten Kindes vom schönen Mond beschienen. Der Mond ist überdimensional riesig, er wird niemals aufhören sich zu drehen und mit uns Menschen zu flirten.

„Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes“, so lautet der offizielle Titel der Ausstellung. Mit weiblicher Courage werden menschliche Empfindlichkeiten und Rituale genussfreudig und schöpferisch in Szene gesetzt. Auch ältere Videos sind erfrischend neu arrangiert. Bisweilen werden die Sinne der Betrachter an einzelnen Stationen heftig strapaziert. Bei dem Film „Blutraum (1993/1998) quillt fortwährend leuchtend rotes Menstuationsblut aus immer neuen Perspektiven auf den Zuschauer ein, der in einer Situation zwischen Faszination und Abwehr verharrt, wobei der abspielende Monitor am unteren Rand in einen großen Müllcontainer eingepasst ist und die Gedanken nochmals stolpern lässt. Oder bei dem Video „Eindrücke Verdauen“ (1993), das eine filmische Kamerareise durch den menschlichen Darm zeigt; hier hängt der Kugelmonitor aber an Bauches Stelle in einem elastischem Badeanzug. Diese Einbettung der Filme in vertraute Alltagsgegenstände überrascht und verstört zuweilen, verschreckt jedoch nie, sondern amüsiert und verstärkt die Wahrnehmung. Bild und Rahmen, Inhalt und Präsentation bilden eine kongeniale Verbindung.

 

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Cape Cod Chandelier (2011)

Ein besonderer Eyecatcher im Heim ist der „Cape Cod Chandelier“ (2011), der über einem runden Esstisch hängt. Ein mehrstufiger Kronleuchter, sorgfältig mit Unterhosen drapiert, wird von einem Lichtloop angestrahlt. Zwei Tage lang wurden die sauberen gebrauchten Damen- und Herrenschlüpfer aus dem Bekanntenkreis der Künstlerin aufgehängt und zwei Wochen arbeitete Pipilotti an der Lichtführung, die sanft über das Gewebe fließt. Gemeinschaft, Familie – sehr dicht und intim rücken hier ihre Stellvertreter zusammen und müssen oder dürfen ein Ganzes bilden. Hier werden die angestrahlten Hosen zur Schau gestellt und einer neuen Bestimmung zugeführt; nicht funktional nur kurz auf einer Wäscheleine miteinander verkettet, sondern demonstrativ zur Projektionsfläche gezwungen. Schön ist der Kronleuchter und hintersinnig wie alles, was uns Menschen verbindet.

Diese akribisch zelebrierte Ausgestaltung des Heims mit seinen vielen kleinen Details – jede Ablage wird dekoriert, jede Vase arrangiert, in Schweizer Gründlichkeit mag man meinen – ruft auch so profane Gedanken wie Zeit und Arbeitsaufwand der Ausstellung ins Gedächtnis. Nur ein gut vernetztes aufmerksames Team bringt diesen Dreh zusammen, es sei hier nur stellvertretend die Lichtdesignerin Kaori Kuwabara erwähnt.

Pixelwald

Im nächsten Raum mit dem „Pixelwald“ (-> Video) kann man sich freudig verlieren. LED-Lichter hängen an Kabeln von der Decke bis zum Boden, einzeln angesteuert blinken sie in verschiedenen Farben ohne zu blenden. Die Leuchtkraft funkelnder Kristalle zieht uns in den Bann, hier muss etwas ganz besonders Schönes sein und wir dürfen mittendrin verschwinden. Die beiden gegenüberliegenden Bereiche laden mit weichen Teppichböden und Sitzkissen dazu ein, Platz zu nehmen, zu verweilen und den „Pixelwald“ sowie die audiovisuellen Installationen aus unterschiedlichen Perspektiven wahrzunehmen. „Ever Is Over All (1997) überzeugt noch immer frisch und kraftvoll – wie eh und je zerschlägt die junge Frau die Fensterscheiben der Autos. Dieser zwanzig Jahre alte feministische Videofilm wächst über sich hinaus, es gibt immer noch so viel aufzubrechen. Auch von „Sip My Ocean (1996) und „Worry Will Vanish Horizon (2014) lässt man sich gerne mitziehen. Fließende Lichtbilder aus immer neuen Blickwinkeln nehmen uns mit in ein neues Universum.

Vor ungefähr 100 Jahren überraschte Loïe Fuller (1862-1928), ebenfalls eine Pionierin des Lichtdesigns, die Welt mit ihrem Ausdruckstanz. Wie Rist wollte Fuller neue Dimensionen erschaffen. Sie experimentierte mit dem damals noch neuen elektrischen Licht. Ihre Seidengewänder, oft mit fluoriszierenden Substanzen behandelt, wurden während der Tanzvorführung erst durch die von ihr eigens entwickelte neuartige Lichttechnik beleuchtet. Die Kunstsprache des Frauenkörpers wird so bei Fuller durch Stoff, Bewegung und Licht befreit und im Raum neu modelliert. Immer wieder experimentierte sie mit transparenten Werkstoffen, Gazevorhängen, Diapositiven und der Fotographie. Sie schrieb viele Patente und nahm auch schon früh zu den Brüdern Lumière und ihren Filmversuchen Kontakt auf. Die Kühnheit ihrer Kunstform begeisterte sicherlich zu ihrer Zeit gleichermaßen wie die Arbeiten von Rist und verdeutlicht, wie gerade Frauen das Element Licht für sich erobern und dessen Entwicklungsmöglichkeiten aufbrechen und vorantreiben.

Zum Abschluss der Rundgangs in Zürich vermitteln die älteren (1987-1997) Einkanal-Videofilme, die an fünf Monitoren gezeigt werden, einen umfassenden Eindruck über ihre experimentellen erregenden Frühwerke mit Bild und Ton. In diesen Filmen beginnt Pipilotti Rists Arbeit zu leuchten und entwickelt mit den Jahren immer intensivere Strahlkraft. Die Maßstäbe im Videofilm verkleinern das Gezeigte, die Wandprojektionen vergrößern es, für uns selbstverständlich und dennoch werden so die Themen von Angst und Liebe neu pointiert. Die Vertiefung der Wahrnehmung ist gelungen.

In der abschließenden Bodenprojektion „Mutaflor“ (1996) kreist Pipilottis Körper mit weit aufgerissenem Mund und verschlingt die Besucher mit Hingabe, und man lässt es sich gerne gefallen. Ungeschützt mit den Augen von Pipilotti Rist in die Welt sehen, kraftvoll und niemals süßlich, schließlich ist Mutaflor ursprünglich ein Verdauungsmittel.

Siehe auch:

Mit Pipilotti Rist im Taucheranzug Schönheit finden

From the Archives: Pipilotti Rist is Caught on Tape

Loie Fuller – Grenzgängerin des Tanzästhetischen

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