Unterlinden-Museum Colmar

Ein Besuch im neuen Unterlinden-Museum ist herzerfreuend und wohltuend. Das renommierte Architektenbüro Herzog & de Meuron ist verantwortlich für den Umbau und die Neugestaltung des Museums, im dem man beschwingt ein paar Stunden verbringen kann. Vom ersten Augenblick der Einkehr sympatisch und einladend empfangen trägt diese Empfindung fortwährend durch die Räume. Diese Architektur und das Lichtkonzept bedrängen nicht – sie heißen willkommen.

Das ehemalige Dominikanerinnenkloster aus dem 13. Jahrhundert ist nun mit Neubauabschnitten und der Schwimmhalle des alten Stadtbades von Anfang des 20. Jahrhunderts verbunden. Die klare komplett weiße Innenraumgestaltung führt nahtlos alle Raumteile zusammen. Spektakuläre Brüche, die begeistern sollen, sind nicht notwendig, sanfte Übergänge erfreuen, die glatten Rundungen der Treppenhäuser oder die kubistische Innenansicht der Petite Maison. Der hohe Raum, der auf der Place Unterlinden das Museumsareal mit dem tief herabgezogenen Kupferdach akzentuiert, lenkt im Inneren den Blick unaufgeregt nach oben zu den Fenstern und doch wähnt man sich nicht unter der Erde. Die Räume sind hell ausgeleuchtet, wirken jedoch niemals kalt, sondern erzielen eine freundliche und wache Atmosphäre. Von Raum zu Raum schlendert man fast schwerelos durch das Gebäude, nie werden die Füße schwer und so fällt es auch nicht auf, dass es kaum Sitzmöglichkeiten in den Räumen gibt.

Dieses Museum ist ein einziger Schauraum, es will nicht belehren oder mit seinen Schätzen protzen, sondern erfreuen und kulturell sensibilisieren. Die Räume, mit Bedacht eingerichtet, sind nicht überladen bestückt. So gewinnt die farbenprächtige Tafelmalerei des Mittelalters von Martin Schongauer und Schule in den roten freistehenden schlanken Stahlstaffeleien an Strahlkraft. Hier wurde nicht der Versuch unternommen, eine historische Präsentation zu simulieren, sondern modern und leicht wird das Kunstwerk gezeigt und gewinnt an Eigenständigkeit. Die Erläuterungstexte sind sehr knapp gehalten und erwähnen nur die nötigsten Informationen; auch der Audioguide geht nur auf wenige Exponate näher ein. Man wird allein gelassen, ist aber nicht verloren, weil es sich meist um die Hauptthemen der Christusgeschichte handelt und die Ausführung der Kunst wichtiger ist als das Was. Rot, Blau, Grün – symbolträchtige Farben der Marien- und Christusverehrung dominieren die Wahrnehmung. Die ungeheure Klarheit – fast plakative moderne Ausdrucksweise – begeistert auch den weniger wissenden Betrachter. (Hier wäre zu klären, ob die letzte Restaurierung diese Wirkung beabsichtigte.) Das muss nicht unbedingt schlecht sein, erst erfreuen und dann belehren ist oft der bessere Weg, den Dingen anschließend auf den Grund zu gehen.

Die meisten Besucher reisen nach Colmar, um den Isenheimer Altar und die Malerei von Matthias Grünewald um 1512/13 zu sehen. Dieser beeindruckende Hochaltar, der aus der Antoniter Abtei in Isenheim entstammt, ist ein einschüchterndes Meisterwerk.

Leider ist die Aufstellung im Kapellentrakt unglücklich. Nur die Werktagsansicht kommt in ihrer Gesamtheit zu Wirkung. Die anderen Außentafeln werden zusammengesetzt und in Einzelaufstellung hintereinander präsentiert (Ansicht 2, Ansicht 3, Ansicht 4, Ansicht 5). Geschaffen als ein Flügelaltar mit zweifacher Öffnung und somit als ein wandlungsfähiges, vielschichtiges Seherlebnis des frühen 16.Jahrhunderts bleibt diese multimediale Erfahrung hier unerfahrbar. Ein kleines Altarmodell mit dem ursprünglichen Aufbau wäre wünschenswert bis unerlässlich, um sich vorzustellen, wie die Bildwerke wahrgenommen werden sollten. (Im Shop kann ein Papiermodell erworben werden.)
Isenheimer Altar, geschlossen
Der geschlossene Altar mit der erschreckend drastischen Kreuzigung im Mittelteil, der Grablegung in der Predella und auf den flankierenden Seiten die Heiligen Antonius und Sebastian ist die erste Ansicht. Von den wenigen monumentalen Figuren, die dem grausam gemarterten Leib Christi zur Seite gestellt sind, soll nichts ablenken, auf schmückende überflüssige Details wird weitestgehend verzichtet. Eindringlich soll der Mensch ermahnt werden. Und wer es immer noch nicht verstanden hat, dass wir uns mit dem Schmerz und Tod auseinandersetzen sollen, dem hilft Johannes mit bestimmtem Finger auf den Weg. Nur die Heiligen, auf einem kleinen Sockel entrückt, wissen um die Überwindung. Diese Tafelmalerei war die längste Zeit im Jahr ansichtig.
Isenheimer Altar, erste Öffnung
Erste Öffnung (Photomontage)

Der Kontrast von der dunklen, leidvollen ersten Szene zur ersten Öffnung an Sonn- oder Feiertagen könnte nicht größer sein. Die Mitteltafeln werden nach außen geklappt und sichtbar wird ein strahlendes Bild. Dieser Wechsel muss eine atemberaubende Wirkung auf die Betrachter erzielt haben. Das Engelskonzert und die Geburt Christi im Mittelteil, links die Verkündigung und rechts die Auferstehung, die Grablegung der Predella bleibt weiterhin sichtbar und erinnert an die Qualen, die nun überwunden werden. Ein göttliches Licht durchtränkt das Geschehen. In dem hell ausgeleuchteten Raum lässt der dominante Engel der Verkündigung keinen Zweifel an der Bestimmung Marias. Die Mutter Maria mit dem Kind auf dem Arm ist von dem göttlichen Licht sonnig beschienen und die Engel in ihrem exquisiten Pavillon strahlen noch zusätzlich wie kleine Laternen. In der Auferstehung schaft der Künstler eine besonders spektakuläre Lichtinstallation. Der auferstandene schönste Christus schwebt mit ausgebreiteten Armen, seine Wundmale zeigend, über dem offene Grab. Vor einem riesig strahlenden Sonnenball färbt sich das weiße Leichentuch in ein flammendes Farbenmeer. Weltliches Leben und göttliche Vorsehung wirken in diesem Bild zusammen. Hoffnung und Linderung von menschlichen Schmerzen werden im Glauben versprochen.
Isenheimer Altar, zweite Öffnung
Zweite Öffnung (Photomontage)

Nun würde die zweite Öffnung und damit die dritte Ansicht folgen und es stellt sich bei dem Betrachter eine spannende Erwartungshaltung ein – was mag nun kommen? Ein Schnitzaltar von Niklaus von Hagenau besetzt den Mittelteil. Der Heilige Antonius thront sitzend in der Mitte, links steht Augustinus, rechts Hieronymus, bekrönt von gotischem Blattwerk mit eingeflochtenen Symbolen der vier Evangelisten mutet der Anblick enttäuschen bieder an. Die fast vollständig goldgefassten kräftigen Skulpturen – nur Hände und Gesichter tragen menschliches Inkarnat – wirken etwas schwerfällig. Im Innersten meist verborgen wirkt also der Kirchenpatron und an seinem Feiertag 17.Januar wird der Heilige verehrt. Grünewalds seitliche Tafelbilder hingegen erzählen aufregend und packend von der Begegnung des Heiligen Antonius mit dem Eremiten Paulus links und seiner Versuchung rechts. In verwunschener gruseliger Landschaft, wie wir sie in Sleepy Hollow lieben, erlebt Antonius seine menschlichen Zweifel und Leiden. Er kämpft mit fantastischen Fabelwesen, entsprungen wie aus Drogenhalluzinationen. In dem entstellten Körper am linken Bildrand sind die Symptome des Antoniusfeuers, der Mutterkornvergiftung, zu erkennen, einer weit verbreiteten Krankheit des Mittelalters. Die Versorgung der Leidenden hatte sich der Antoniterorden zur Aufgabe gemacht. In der Spitalskirche des Ordens in Isenheim sollte dieses demonstrative Altarwerk sowohl den Pflegekräften als auch den Erkrankten den rechten Weg weisen. Die geschnitzte Predella mit Christus als Weltenrichter und den Aposteln ist Fundament, auf dem die christliche Kirche ruht, dennoch hat auch die Verehrung dieses „Heiligenschreins“ im Kern des Altars eine entscheidende Rolle. Erst durch Martin Luther und seine Weggefährten wird dieser Heiligenkult in Frage gestellt.
Siehe auch: Der Isenheimer Altar und seine Botschaft

Im neuen Flügel und der unterirdischen Galerie wandelt es sich beschwingt durch das 19. und 20. Jahrhundert.

Der Vergleich des prosaischen Frauenakts mit blauem Tuch (1930) von Suzanne Valadons benachbart neben Raoul Dufys luftig leichtem Rosa Akt (1930) zu sehen, beflügelt zu ungeahnten Studien.

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Pierre Bonnard: Normannische Landschaft

In angemessenem Abstand taucht man in die Farbkomposition von Pierre Bonnards Normannische Landschaft (1920) ein. Der Blick wandert vom überwachsenen Gartenzaun, schwelgt auf einer satten grünen Wiese mit Kühen und Hühnern und gleitet dann weiter zu den hohen dichten Bäumen, hinter denen ein schwarz gekleideter versteckter Mann hervorlugt und verliert sich in der Ferne der blühenden Landschaft. Eine schwirrende Farbenpracht, die alle Sommersehnsüchte erwachen lässt. Das fast beängstigende Wohlgefallen vieler Exponate mag zum Teil aus dem Geschmack der privaten Schenkungen herrühren, aber auch die Hängung setzt auf Harmonie und ein wirkungsvolles Miteinander.

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Georges Mathieu: Seventh Avenue (1957); Marcelle Loubchansky: Bethsabée (1956);
André Lanskoy: La Souscription pour une attaque (1967)

Nah und barrierefrei können die Werke erlebt werden, seien es die steinernen Kathedralskulpuren oder die Arbeiten von Jean Dubuffy. Immer weiter kann man sich führen lassen zu Picasso und dem römischen Fußbodenmosaik oder der Videokunst in der ehemaligen Schwimmhalle, je nach eigener Vorliebe.

Unausweichlich gelangt man irgendwann in den neu angelegtem Gemüsegarten, der die mittelalterliche Tradition des Klostergartens fortsetzt. Der Hortus Conclusus mit noch jungen Obstbäumen bietet einen Ausgleich zu der reflektierten Weltansicht der Kunst. Zugleich ist auch schon ein Apfelbaum ein Relikt vergangener Zeiten im Zeitalter industriell gepfropfter Apfelplantagen. Verweilen im Schutze des eingebauten Hofes und sich am dem Ebenmaß der Architektur erfreuen. Zerteilte Ziegelsteine sind mit ihrer Bruchseite nach außen verbaut und erzeugen eine reliefartige Oberfläche – überraschend neu und zugleich mit der mittelalterlichen Ziegelbauweise vertraut – entsteht auch hier ein Raum der Geborgenheit, den man auch im Winter genießen kann, da man aufgrund der Temperaturen im Museum den Mantel unbedingt anbehalten sollte.

Im geschmackvollen Museumscafé dürfen die vielen visuellen Eindrücke sacken und nachklingen. Das Unterlinden-Museum präsentiert keine große Sammlung, aber eine, die mehrere Jahrhunderte erleben lässt und mit besonderen Meisterwerken Höhepunkte setzt.

Eine weitere Impression zum Museum findet sich bei Homme de Fer.

ein Kommentar

  1. […] eingängig erfassbar sein und die Kranken in ihrer Qual mit Kraft und Leidensfähigheit ( z.B. Colmar, Isenheimer Altar) unterstützen. Finanzieren konnte sich diese Gemeinschaft, wie die kleine Ausstellung zeigt, nur […]

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