Joseph Cornell

Der Amerikaner Joseph Cornell (1903-1972) ist in Europa immer noch für viele Kunstliebhaber eine Entdeckung. Meist wird er als Surrealist bezeichnet und in die Reihe der Großen dieser Stilrichtung Salvador Dalí, Marcel Duchamp, Max Ernst, Man Ray und René Margritte gestellt. Dieser rätselhafte amerikanische Künstler war nun erstmals mit seinen Werken in einer umfassenden Ausstellung in London und Wien zu sehen. In Zusammenarbeit der Royal Academy in London und dem Kunsthistorischen Museum in Wien wurden hier mehr als 80 seiner eigenwilligen Exponate aus amerikanischen Museen und Privatsammlungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Allein durch die Wahl des Ausstellungsortes im alt-ehrwürdigen Kunsthistorischen Museum Wien gaben die Kuratoren den Arbeiten eine altmeisterliche Aura. So begegnete man diesem seltsamen Cornellphänomen mit der Erwartungshaltung, eine Relation zu den umgebenden Meisterwerken des Museums herzustellen, zumal auch einige seiner Objekte inmitten der Kunstkammer platziert wurden und dort mit den heimischen Exponaten in einen Dialog treten sollten. In dieser Umgebung entfernten sich die Arbeiten des Joseph Cornell aus dem reinen Bezug zu den Surrealisten und betraten den Bereich der Wunderkammer.

Joseph Cornell im Kunsthistorischen Museum Wien

Joseph Cornell im Kunsthistorischen Museum Wien

Der größte Teil seiner kleinen handlichen Schaukästen „Boxes“ und Collagen, sowie einige seiner Filmexperimente wurden jedoch eigenständig in einem abgedunkelten Raum präsentiert. So schritt man an den langen durchgehenden Glasvitrinen von Objekt zu Objekt. Schaukasten oder Schachtel folgten den anderen und schnell stellte sich der Eindruck eines wiederkehrenden Rhythmus ein. Die Holzkästen mit Glasabdeckung erinnerten oft an die Präsentation naturwissenschaftlicher Sammelobjekte – dokumentarische Trockenpräparate, die neu zusammengesetzt eine überraschende Erzählung kreierten. Cornell war Autodidakt, er konnte weder zeichnen noch malen und versuchte es auch fast nie, seine Technik war die Collage. In diesen Dioramen oder Schaubühnen entstanden aufgeklebte Assemblagen mit ausgeschnittenen Bildern, die aus Zeitschriften, Büchern oder Fotos stammten, gepaart mit Holz, Muscheln, Federn und Gräsern – Fundstücken der Natur und kleinen Gläsern, Fläschchen, Pfeifen und häufig Kugeln oder anderen kleinen Teilen. Der Blick fiel hier auf Bekanntes und Vertrautes, das in ausgewogenen Abständen zueinander arrangiert war. So könnten Eigenheiten des Surrealismus, das ungewöhnliche Nebeneinanderstellen gewöhnlicher Objekte mit dem Ziel einer poetischen Traumstimmung zutreffen. Jedoch kam alles so ruhig und gesetzt und nett daher. Man wähnte sich sogleich in vergangene Zeiten versetzt, wanderte mit den Augen von Teil zu Teil und suchte wie bei einem Gedicht den Rhythmus, um sich darin zu versenken. Die Sinnsuche der Klebebilder begann.

Am 24. Dezember 1903 wird Joseph Cornell in Nyack im Bundesstaat New York geboren. Er ist das älteste von vier Kindern, mit zwei Schwestern und seinem von Geburt an geistig behinderten Bruder Robert. Seine Elternteile entstammen bürgerlichen holländischen Wurzeln, der Vater arbeitet als Textilkaufmann und ermöglicht der Familie eine gesicherte Existenz. Josephs schulischer und beruflicher Werdegang spricht nicht von besonderen Neigungen und Leistungen des Jungen. Geschichten und Märchen, besonders Hans-Christian Andersen gefallen ihm aber sehr. Als sein Vater 1921 an Leukämie stirbt, verlässt Joseph kurze Zeit später die Schule ohne Abschluss und arbeitet nun selbst als Textilvertreter in Manhattan, um seine Familie zu unterstützen. Im Jahre 1929 zieht die Familie in ein Haus nach Queens am Utopia Parkway, dort lebt und arbeitet Joseph mit Mutter und Bruder Robert bis zu seinem Tode 1972. Die Synthese seiner häuslichen Lebensumstände aus Vertrautheit und Verantwortung für Mutter und Bruder mit der ortsgebundenen Enge glaubt man in vielen seiner Werke zu spüren. Sein Interesse gilt den schönen Künsten der Alten Welt, doch begibt er sich niemals auf Reisen oder verlässt den Großraum New Yorks, er wallfahrtet in der Kunst und Literatur durch Zeit und Raum zu den Stätten seiner Sehnsucht und findet dort die Substanz für seine Arbeiten.

Auf seinen Fahrten zu den Kunden durchstreift er auch privat die Stadt. Er entdeckt das pulsierende kulturelle Angebot von New York, Buchläden und Antiquariate, Antiquitätengeschäfte, Galerien und Kunstsammlungen; genauso wie die großen Kaufhäuser und Kaffeestuben, in denen er gerne hübsche Mädchen und Frauen beobachtet. Auch Theater und Kino interessieren ihn und so beginnt er, auf seinen Streifzügen Inspirationen, Utensilien und Druckgrafiken zu sammeln. Angeregt durch Künstler wie Duchamp, die während des zweiten Weltkrieges von Paris, der vorherrschenden Kunstmetropole, nach NY flüchten, beginnt er nachts am Küchentisch seine kleinen Kunstwelten entstehen zu lassen.

New York in den Dreißiger Jahren ist eine pulsierende aber auch explosive Stadt, ein Schmelztiegel der Kulturen. Die Welthauptstadt der Moderne spricht jedoch nicht aus Cornells Werken, sondern eine einzigartige Patina umgibt seine Objekte. Häufig verwendet er viktorianische Motive aus vergangener Zeit oder erweckt durch einen speziellen Farbauftrag eine künstliche Alterung seiner Kästen, so dass Nostalgie in seinen Werken mitschwingt. Selektiv sieht und sucht Cornell Objekte, die ihn emotional-sentimental ansprechen. Er bewahrt sie systematisch auf und fügt sie bei Gelegenheit in einem neuen Kontext wieder zusammen. Diese spezielle Kunstform und Arbeitsweise ist in New York um 1930 noch nicht weit verbreitet und erweckt bei den Kunstschaffenden und Galeristen Anerkennung – so findet Cornell Ausstellungsmöglichkeiten und wird in der New Yorker Künstlerszene bekannt. In Julien Levys Galerie sieht man seine Werke zusammen mit Marcel Duchamp, Salvador Dalí und Max Ernst ausgestellt, ebenso in der großen Moma-Austellung Fantastic Art, Dada und Surrealism 1939. Auch mit Charles Henri Ford ist er verbunden und in dessen Kunst-und Literaturmagazins View vertreten – einer bekannten Institution für avantgarde und surrealistische Kunst. Trotz dieser Verbindungen bleibt er immer ein sonderbarer Einzelgänger, und das konnte die London/Wiener Aussstellung seines Einzelwerkes besonders verdeutlichen. Marcel Duchamp tauscht sich mit ihm aus. Dessen Schachteln im Koffer werden sicher durch Cornell mit beeinflusst. Viele Künstler – neugierig auf Cornell und seinen Schaffensprozess – besuchen ihn, nehmen einige Anregungen auf, aber ein dauerhafter Austausch bleibt aus. Auch Andy Warhol ist dort Gast am Utopia Parkway. 1970 lernt Cornell die japanische Künsterin Yayoi Kusama kennen, er verehrt die 25 Jahre jüngere Frau, überhäuft sie mit Liebesbriefen und gibt ihr Unterschlupf in ihrer prekären Lage. Von ihr fertigt er sogar eine kleine Zeichnung an, aber ein gleichberechtigter künstlerischer Austausch ergibt sich nicht. Seine Fantasien und Träume werden durch diese Begegnungen angeregt, die er dann in seinen Arbeiten verdichtet. Bis heute ist man sich nicht einig, ob man Cornell zu den Surrealisten oder Dadaisten rechnen sollte. Zu sanft und poetisch sind seine Guckkastenbühnen, nie bissig satirisch oder vordergründig politisch. Nie provoziert er offensichtlich oder stellt bloß, ebenso kommt nichts kraftvoll frei und energiegeladen daher. Immer ist alles ordentlich gerahmt und eingeschachtelt; nie wird eine imaginäre Grenze überschritten. Alles ist vorzeigbar, amüsiert bisweilen, kanalisiert aber sein persönliches Verlangen. Nur manchmal durchdringt ein verschmitzter Witz hauchfein die Ebenen der Collagen.

Untitled

Alles ist anfangs so einfach: ein an Fäden hängendes Mädchen in ihrem weiten Kleid schwebt wie an einem Heißluftballon über einer Gebirgslandschaft. Zwischen ihren Händen spannt sich ein Faden mit einer roten Kugel. Gedanken wie Fernweh, landschaftliche Weite, Reiselust, Entschwinden oder Auftauchen aus einer anderen Welt überkommen den Betrachter. Cornell schafft dieses Bild 1935 in Verehrung für die Tänzerin Tilly Losch. Er bewundert die österreichische Ballerina, die auf den Bühnen der Stadt auftritt, mit Fred Astaire tanzt und mit dem Film Tanz der Hände bekannt wird. Cornell, der nicht verheiratet ist und nie in einer Liebesbeziehung mit einer Frau lebt, pflegt eine sehr große Leidenschaft für Tänzerinnen und Schauspielerinnen. Schüchternheit und Obsession trieben ihn an, seine Huldigungskästen für die Bewunderten, die er Feen nennt, zu erschaffen und sie ihnen zu schenken. Diese Hommage hat neben der Naivität auch etwas Verstörendes – oder Verschreckendes. Mag man eine Puppenschablone, eingesperrt in einem Glaskasten sein, auch wenn man über imaginären Alpen schwebt?

Penny Arcade Portrait

Für die Schauspielerin Lauren Bacall schafft er 1945 das Penny Arcade Portrait. Ihr zentrales Portraitfoto wird von kleineren gerahmten Fotos flankiert, kreisrunde Ausschnitte begrenzen den Kasten am oberen Rand. Im Inneren des Kastens verlaufen gläserne abschüssige Rampen über das große Foto, wie bei einer Kugelbahn oder einem Pachinko, wo auch dem Starkult gehuldigt wird. Durch ein kleines Schubfach kann eine Kugel eingeworfen werden und dann rollt diese durch den Kasten über das Gesicht von Lauren Bacall. Der „Gewinn“ dieses Automaten besteht darin, die angebetete Schauspielerin sanft mit der Kugel zu streicheln. Dieser Kontakt kommt einer intimen Berührung gleich, der sie sich nicht erwehren kann. Die Verehrung für die Schauspielerin erinnert auch an einen Reliquienschrein. Cornell bannt offensichtlich seine obsessiven Träume und Gedanken in diese Kästen.

Bei der Betrachtung der Objekte stellt sich zuerst Freude und Erwartung ein, gleich der treibenden Aufregung einer mit Spannung zu lösenden Knobelaufgabe. Umso länger sich die Gedanken in eine mögliche Dechiffrierung des Gesehenen hineingraben, umso mehr tun sich auch unangenehme Gefühle auf – besonders bei seiner Frauenverehrung.

Dovecote

Häufig gehen umfangreiche Dossiers über ihn faszinierende Personen (z.B. Bayernkönig Ludwig II.) seinen Arbeiten voraus. Fantasie, Wunsch und Traum werden zu seiner neuen Wirklichkeit. Kinderspiele und die Empfindsamkeit seines Bruders bereichern seine Wahrnehmung, nehmen Einfluss auf seine Arbeiten und steuern eine frische Note bei. Im Dovecote (1954-56), einem Setzkasten mit fünf mal sechs Fächern, teilweise mit architektonischen Bögen versehen, liegen weiße Kugeln, die Tauben im Taubenschlag verkörpern. Das Verschwinden der Taubenschläge in New York empfindet Cornell als schmerzlichen Verlust und hält so die Erinnerung an sie wach.

Cornell im Garten, Cornells Haus

Seine Sehnsucht nach einer phantastischen Wahrnehmung der Welt, wie man sie in Alice hinter den Spiegeln erfährt, drückt auch das Foto von Cornell im Garten seines Hauses aus. Er posiert auf der Lehne eines Gartenstuhls sitzend mit affektiert abgespreizten Fingern. Der Standpunkt des Fotografen fängt ihn und seine Spiegelung in dem an den Tisch angelehnten Kommodenspiegel ein, in dem sich Cornell aufgrund der Perspektive selbst nicht sehen kann. Diese Inszenierung sagt viel über den Künstler aus, er weiß um seine Exzentrik, spiegelt sich in seinen Werken und verbirgt doch vieles von sich. Seine spezielle Bildsprache, die seine Gedanken und Gefühle in Formen umsetzt und teilweise wie rührende kindliche Bastelarbeit wirkt, inspiriert noch immer und macht Mut, sich selbst kreativ zu versuchen. Sei es nun professionell oder als Laie.

The New Yorker: Sparkings; Joseph Cornell and the art of nostalgia.

 

ein Kommentar

  1. […] Tilly Losch lebte und wirkte in einem höchst modernen gesellschaftlichen Umfeld und so wirkt die Box, die Joseph Cornell in Verehrung für sie schuf, lebensfern erstarrt und unfrei. […]

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