Heimo Zobernig: Großes Theater im Kunsthaus Bregenz

Wer das Kunsthaus Bregenz kennt und die Architektur von Peter Zumthor schätzt, kann durch die Installationen von Heimo Zobernig die weiten Räume der drei Stockwerke völlig neu erleben. Der Künstler inszeniert jedes Stockwerk, verändert die Raum-Atmosphäre und verlangt vom Besucher die Prüfung seiner eigenen Wahrnehmung.

Installationsansicht Heimo Zobernig: „ohne Titel“

Installationsansicht Heimo Zobernig: „ohne Titel“

Installationsansicht Heimo Zobernig: „ohne Titel“

Installationsansicht Heimo Zobernig: „ohne Titel“

Im Raum des ersten Stockes sind in angemessenem Abstand und in ordentlichen Reihen leere Regale aufgestellt. Als Ausgangsmodul diente Ikeas Billy-Regal, ausgeführt in unlackierten Spanplatten mit exakter sauberer Verschraubung; Variationen mit schwarzer Teillackierung oder verspiegelten Rückwänden, größer oder kleiner sowie runde Bauweisen möblieren den Raum. Sie erweckten tatsächlich den Eindruck eines Möbellagers, das man begutachtend durchschreitet, wären da nicht die runden hohen Regale, in denen jeweils eine Schaufensterpuppe wie gefangen steht sowie der Mensch mit einem Brett im Kopf. Schließlich das bemitleidenswerte geteerte und gefederte Regal – bestraft – ob zu Recht oder zu Unrecht mag ich nicht sagen. Zobernig arbeitet immer „ohne Titel“, also müssen wir selbst in den Dialog treten. Sollten wir uns schämen, wenn wir ein Billy-Regal besitzen oder besaßen, weil es günstig und bequem zu bekommen ist? Ein Regal findet doch erst durch seinen Besitzer und seinen Aufstellungsort zu sich – oder manipuliert das Regal unser Verhalten? Hier in Bregenz wird der große weite Raum gegliedert, kleinteilig möbliert und wirkt etwas bieder.

Installationsansicht Heimo Zobernig: „ohne Titel“

Installationsansicht Heimo Zobernig: „ohne Titel“

Installationsansicht Heimo Zobernig: „ohne Titel“

Installationsansicht Heimo Zobernig: „ohne Titel“

Im zweiten Stockwerk überrascht die Installation nun doch. Aus acht hohen Aluminiumstützen – Traversen, die in der Bühnen- oder Messetechnik Verwendung finden – ist ein rechtwinkliges Gestell in dem Raum aufgebaut, an dem lange Vorhänge aus blickdichtem schwarzen Molton hängen. So entsteht ein kleiner intimer Raum in dem großen Saal. Die Vorhänge sind unterteilt, dass man komfortabel hindurch schlüpfen kann. Im „Separee“ hinter dem Vorhang umfängt den Besucher eine gedämpfte und geborgene Stimmung. Die opaken Glasplatten, die ursprünglich den gesamten Saal abdeckten und indirektes Licht erzeugten, befinden sich im Bereich des eingestellten Raumes und bestimmen dort die Deckenhöhe. Außerhalb wurden sie teilweise abgehängt und man kann nun bis in die tatsächliche Höhe der freiliegenden Decke hinauf schauen und die akkuraten Hängevorrichtungen und elektrischen Installationen sehen, die mit der technischen Ausführung des Kunstwerkes bestens harmonieren. Unerwartet fällt Tageslicht durch die Seitenwände in den Raum und ein Blick aus dem sonst so verschlossenen Haus wird möglich. Einzig eine weiße Skulptur, die von den Besuchern unbefangen als Bank genutzt wird, belebt den neu definierten Raum. Hier lässt es sich ausruhen, nachdenken, eine Aufführung erwarten oder einen Caffè – oder werden wir beobachtet? Alles ist ruhig und unaufgeregt.

Im dritten Stockwerk wurde eine Raumskulptur, die zuvor für den österreichischen Pavillon auf der Biennale 2015 in Venedig angefertigt wurde, an die Decke gehängt. Die Hälfte der Raumdecke wird von diesem Kasten aus dunkel glänzend lackiertem Holz mit Kern aus Wabenkarton verkleidet. Auch hier wurden die Glasplatten der Deckenverkleidung zum Teil entfernt, die Lichtführung wurde verändert, die Leuchten spiegeln sich auf den glatten Oberflächen des Kastens, dessen Assoziationen von liebloser Lüftungsverkleidung bis zum bewohnbaren Hängeboden gehen können.

Installationsansicht Heimo Zobernig: „ohne Titel“

Installationsansicht Heimo Zobernig: „ohne Titel“

Eine unbearbeitet rohe Bronzeskulptur einer menschlichen Figur, noch mit Gußkanälen und -nähten, steht im nicht überdachten Bereich – dem Kasten zugewandt, die Arme leicht ausgestreckt. Auch sie wurde für den Pavillon in Venedig angefertigt, fand dort aber keine Aufstellung, weil Zobernig eine zu starke Ablenkung von seiner geschaffenen Raumwirkung befürchtete. Hier nun findet sie Platz und wirkt etwas verloren. So recht findet aber auch der Besucher in diesem Raum nicht zu seiner Bestimmung, sondern verharrt in indifferenter Warteposition.

Zobernig ist kein Architekt, sondern Maler, Bildhauer und Hochschullehrer in Wien. In seinen Installationen lenkt er die Raumwahrnehmung der Besucher. Seine minimalistische Formensprache kleidet die Räume neu ein, der Vorher/Nachher-Effekt spielt hier eine große Rolle.

Der eigentliche Star ist jedoch das Kunsthaus selbst und viele Künstler dirigieren nur die Empfindungen. Wer belebenden Esprit und Frische erwartet wird enttäuscht, wer gesetzte Ruhe mag wird fündig.

12. Nov. 2015 – 10. Jan. 2016

 

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