Ein Tag in Zürich

Villa Rietberg / https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Roland_zh / https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/

Villa Rietberg / Roland_zh / CC-BY-SA 3.0

Mit der Straßenbahn 7 zum Rietbergmuseum und dann beginnt ein Urlaubstag mit vielen Facetten. Ein Klassiker im kulturell reich bestückten Zürich und zu jeder Jahreszeit immer einen Besuch wert. Der wunderschöne Landschaftsgarten von Leopold Fröbel hat seine Intimität eines Privatgartens nicht gänzlich eingebüßt. Beim Durchschreiten des Geländes streben wir aufwärts dem Hügel mit der Villa zu, dichte Hecken und dann wieder weite Sichtachsen unterhalten den Spaziergänger. Sich den Phantasien ergeben, wie der Komponist Richard Wagner vielleicht einst durch den Park streifte, in der Hoffnung Mathilde Wesendonck zu treffen, heimlich Vertraulichkeiten auszutauschen – oder schwärmten sie gemeinsam bei dem Blick über den Zürichsee mit seinem einrahmenden Alpenpanorama? Wem hüpft das Herz nicht bei dieser Aussicht – begleitet von einem befreienden Seufzer, der sich in der Weite verliert. Eine sehr exquisite Wohnlage, die der deutsche Fabrikant Otto Wesendonck für seine zweistöckige Villa im Neorenaissance-Stil mit ihrer offenen Rundbogenloggia im Piano nobile wählte, errichtet von dem Architekten Leonhard Zeugheer.  Oben angelangt ist es nicht Verwunderung oder Erstaunen, zu dem der Anblick dieser Villa bewegt, sondern ein natürlich angenehmes Wohlwollen, als hätte man nichts anderes erwartet. Das Gebäude entspricht dem herrschenden Stil der damaligen Zeit. Ein internationaler, repäsentativer Stil, den man auch in Berlin oder an der Côte d’Azur antreffen könnte. Hier lebten also Otto und Mathilde Wesendonck von 1857-1871 und mit ihnen Richard Wagner von 1857-1858 fast anderthalb Jahre. Seine Muse – gleichermaßen schätzte er die reizvolle Matilde und deren Gedichte so, dass er sie vertonte als Wesendonck-Lieder. In einem kleinen Haus im Garten, seinem „Asyl“, wohnte Wagner damals mit seiner ersten Frau Minna, versorgt von Otto Wesendonck, der ihm die Möglichkeit gab, an seiner Oper Tristan und Isolde zu arbeiten. Als dann die Liebesverwicklungen auf diesem „grünen Hügel“ zu unruhig wurden, setzte sich Wagner allein nach Venedig ab, Minna ging nach Dresden zurück und Mathilde beruhigte sich wohl wieder. Erst 1871, nach dem deutsch-französischen Krieg verkaufte Otto das Anwesen an den Schweizer Adolf Rieter-Rotpletz und ging mit Mathilde nach Deutschland zurück.

Himmlische Schönheit, Marmor, Indien, 11. Jh.

Himmlische Schönheit, Marmor, Indien, 11. Jh.

Mit dieser Schweizer Familie zog sicherlich ein neues familiäres Leben auf dem Hügel ein. Wagners Asyl verschwand und die Villa Schönberg wurde 1898 an deren Stelle errichtet, in der Rieters Schwiegermutter wohnte. 1945 kaufte die Stadt Zürich mit Zustimmung der Bevölkerung das gesamte Gelände und zusammen mit der Schenkung Sammlung Eduard von der Heydt entstand das Museum Rietberg, das Kunstwerke außereuropäischer Kunst zeigt. Baron Eduard von der Heydt stammte ebenfalls wie Otto Wesendonck aus dem Raum Wuppertal, war Bankier und sammelte Kunst. Er wohnte in der Schweiz, vornehmlich in Ascona, wo er den Monte Verità erwarb und 1937 Schweizer Staatsbürger wurde.

Amulett, Walrosszahn, Nordamerika, 18./19. Jh.

Amulett, Walrosszahn, Nordamerika, 18./19. Jh.

Während der Nazizeit ging Heydt wenig rühmlichen Aufgaben nach. Verwaltete er u. a. die Gelder, mit denen die Auslandsspione der deutschen Abwehr finanziert wurden. 1946 folgte die Verhaftung in der Schweiz durch das Schweizer Militärgericht, just in diesem Jahr vermachte er seine außereuropäische Kunstsammlung der Stadt Zürich, seine Gemäldesammlung ging nach Wuppertal. 1948 erfolgte dann der Freispruch aus Mangel an Beweisen. Die Amerikaner ermittelten noch bezüglich unrechtmäßig einverleibten jüdischen Privatvermögens eine Zeitlang gegen ihn und konfiszierten seine amerikanischen Bankguthaben sowie in die USA ausgeliehene Kunstwerke. Im Jahre 2007 legte die Stadt Wuppertal ein Gutachten vor, nach dem ihm kein eindeutiges Vergehen während der Nazizeit zur Last gelegt werden konnte. Er wohnte bis zu seinem Tod in Ascona.

Beim Spaziergang im Rieterpark kann man sich dies alles durch den Kopf gehen lassen. Eine illustre Gesellschaft, die hier zusammen kam.

Gefäß, gebrannter Ton, Peru, 12.-15. Jh.

Gefäß, gebrannter Ton, Peru, 12.-15. Jh.

2007 entstand der gläserne Erweiterungsbau mit grüner Blattornamentik, Smaragdpavillon genannt, inspiriert durch Mathilde Wesendoncks Gedicht Im Treibhaus. Leicht und modern begleitet er die alte Villa und den Park und zeigt auf unkomplizierte Art, dass sich die Zeit verändert und neue erfrischende Impulse setzt. Heute besuchen viele junge Menschen und Familien mit Kindern diesen Ort, um im einladenden Museumscafe in der Sonne den Tag zu genießen.

Masken, Europa, 19./20. Jh.

Fastnachtsmasken, Europa, 19./20. Jh.

Die Sammlung außereuropäischer Kunst des Rietbergmuseums gibt die Möglichkeit, auf komprimiertem Raum um die ganze Welt zu reisen. Die wunderschönen, ungewöhnlichen Objekte tragen nach wie vor die Handschrift einer Privatsammlung. Der Sammler suchte außergewöhnliche Einzelstücke, die auch den unerfahrenen Besucher entzücken. Seien es die sorgfältigen Buddafiguren, südamerikanische Tongefäße oder die chinesische Keramik, alles ist erlesen. Allzu exotisch und doch ganz heimatlich mutet der Raum mit den Fastnachtsmasken, man möge schmunzelnd hier unverhofft auf diese Exponate schauen und dennoch fügen sie sich wundervoll ein. Auch Europa kann ganz schön exotisch sein.

Hat man genug von Großbürgertum, dann ab nach Zürich-West. In die massiven Viadukte der Bahntrasse sind schicke Boutiquen eingezogen und viele Fabriken sind stylisch umgebaut, aber ihre Größe und Wucht verströmt immer noch eine physische inspirierende Kraft. Das Migros-Museum ist in ein Quartier eingezogen und zeigt zeitgenössische Kunst. Was auch sonst, nicht nur weil die Räume große Installationen zulassen, sondern auch weil Kunstwerktätige die Werktätigen ablösten. Nichts Vergangenes – das Jetzt und Hier wird präsentiert.

Mit der Zürichcard die Stadt erleben ist bequem und auch für Euroverdiener erschwinglich. Beschaulich mit See und Alpenpanorama bestückt kann Zürich darüber hinaus fast immer mit avantgarden und neuen Impulsen locken.

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