Jean Paul Gaultier in München

Warum sollte „Mann“ sich eine Ausstellung über einen Modemacher ansehen? Nichts ist vergänglicher, schneller überholt und kommerzieller konzipiert als die Klamottenindustrie. Ganz einfach – es ist ein großes Vergnügen für Mann und Frau. Frisch und modern werden die Modelle präsentiert und immer wieder wecken sie Assoziationen zu anderen Kunstgattungen und gesellschaftlichen Themen.

Gaultier-Strohkorselette

Gaultier-Strohkorsett

Cindy Sherman Ohne Titel 131 1983

Cindy Sherman
Ohne Titel 131
1983

Gaultiers bekannte Korsetts kreisen um die eigene Achse, jedes einzelne mit größter Detailfreude und Präzision ausgeführt, ob aus geflochtenem Stroh mit Getreideähren, aus Kunststoffprismen – der Science-Fiction-Welt entsprungen oder das Klassische – aus Stoff und Satin, das wiederum Cindy Sherman zu ihrer Kunst anregt. Jedes einzelne Mieder wird zu einer eigenständigen Skulptur, sie bedürfen nicht zwangsläufig einer Trägerin, erwecken jedoch immer das Bild einer fantastisch schönen Frau.

Animierte Figuren tragen Gaultiers Matrosenmode, auf die Köpfe der Kleiderpuppen wird mit einen Beamer der Film eines Models projiziert, das kunstvoll synthetisch zu den Betrachtern lächelt, die Mimik verändert oder kurze Sätze spricht. Unter die Matrosen mischt sich auch Gaultier persönlich und redet zu uns. Diese Technik wird sehr pointiert und mit Bedacht in der Ausstellung eingesetzt und inszeniert die einzelnen Modelle frische und lebendig. Es wird nicht einfach ein maritimes Feeling erzeugt, sondern jugendliche Lebensfreude, Kraft und Stärke gepaart mit Abenteuerlust, Fernweh und Risikobereitschaft. Meerjungfrauenkleider verheißen eine Metamorphose, die ja in jeder Gewandung mitschwingt. In opulente Spitzengewänder sind flammende Herzen und silberne Votivtafeln einarbeitet, diese christlichen Motive, die in Lebenskrisen und Notlagen als Dankesgaben in den Kirchen angehängt werden, wandeln sich hier zu schmückenden Applikationen – heilige Verehrung und himmlische Verführung verwischen reizvoll. Auch in der „Rabbi Chic“-Kollektion von 1993 veredelt er die charakteristischen Elemente ohne sie zu entstellen.

Matrosen-Installation

Matrosen-Installation

Männer und Frauen, Heterosexualität und Homosexualität, alles spielt mit und erfreut. Besonders die Ausfüge ins Showbusiness zeigen eine creative Vielfalt. Und der Punk lebt immer!

Ein genauer Blick auf die feine Ausführung der Kleider sei unbedingt empfohlen. Mit höchster kunsthandwerklicher Quatität sind die Stoffe bearbeitet. Flora und Fauna werden kombiniert, Perlen, Federn, Menschenhaar verknüpfen sich. Nichts scheint unmöglich und Toleranz lässt sich überall üben. Die weitverbreitete, langweilige Unisex-Outdoormode könnte von Gaultiers Modeverständnis nur profitieren!

#JPGMUC, Kunsthalle München, bis 14. Feb. 2016, täglich 10-20 Uhr

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