Tettnang – eine Freude für Entdecker

Neues Schloss Tettnang

Tettnang, Schloss und Garten

Tettnang, Schloss und Garten

Ein Ausflug ins Hinterland des Bodensees lohnt sich ganz besonders, wenn nach einer beschwingten Fahrt durch die leicht hügelige grüne Landschaft – unerwartet wie ein Überraschungsbonbon – vor einem das recht imponierende Schloss auftaucht.

Parkplätze stehen einige am Schloss, in dem sich auch das Amtsgericht befindet, zur Verfügung, allerdings müssen die Parkuhren von Montag bis Samstag gefüttert werden.

Empfangen von einem einen weiten gepflegtem moderner Landschaftspark lässt es sich erst einmal gut durchatmen und dabei schweift der Blick über die weite Landschaft. Kinder können sich auf dem Spielplatz vergnügen.

Blick in die Ferne

Blick in die Ferne

Architekturdetail

Architekturdetail

Von hier aus schaut man zuerst auf die östliche Fassade des Schlosses und wird gewahr, dass sich hier weitab von jeglicher Metropole ein gewaltiger Bau erhebt. Drei Stockwerke plus Mansardgeschoss werden ringsherum mit repräsentativen weißen Pilastern auf gelbem Grund mit korinthischen Kapitellen gegliedert. Bei genauer Betrachtung sieht man, dass die Abstände nicht regelmäßig sind, um Größenabweichungen auszugleichen, wird ein Pilaster mal breiter oder schmaler ausgelegt. Der Gesamteindruck soll zählen und so wird auf den weniger zugänglichen Seiten die Architekturgliederung auf der Süd- und Westseite nur aufgemalt, eine günstige Lösung für die ewig klammen Grafen Montfort, die hier lebten.

Der kurze aber interessante Spaziergang um die geschlossene Vierflügelanlage mit den vorspringenden Ecktürmen zeigt, dass schon mehrere Restaurierungen nötig waren, um das Gebäude gegen die Feuchtigkeit und Verwitterung zu schützen. Im Osten angelangt lagert sich ein kleiner symmetrisch angelegter Garten vor die mit einem Giebel zusätzlich herausgehobene Schauseite. Von hier betritt der Besucher – damals wie heute aus der Stadt kommend – das herrschaftliche Gebäude und soll würdig begrüßt sein.

1753 brennt der barocke Vorgängerbau ab. Der Architekt Gessinger entwirft eine beeindruckende aber wenig innovative Vierflügelanlage. Franz Xaver Montfort (1722-1780) will auch in der Provinz mit seinen wohlhabenden Verwandten in Österreich mithalten – von ihnen lässt er sich auch die immensen Baukosten – am Ende wohl über eine Million – finanzieren und im Gegenzug fällt der Besitz 1780 an Österreich-Vorarlberg. Man könnte annehmen, dass vielleicht die gelb-weiße Farbgebung der Gebäudehülle an die österreichischen Repräsentationsarchitekturen angelehnt sei, aber die bei denkmalpflegerischen Maßnahmen durchgeführten Putzuntersuchungen ergaben, dass das Schloss eher eine barocke Kalkfarbfassung Ton in Ton gehabt haben könnte und weitaus gediegenerer und eleganter daher gekommen wäre. Der kontrastreiche weiß-sonnengelbe Zementputz geht auf die Renovierung vor 1975-1978 zurück, war den Bürgern vertraut und beliebt und sollte beibehalten bleiben. Der Wandel eines Gebäudes erweckt es zum Leben, man begreift dass der Geschmack und die Ästhetik sich immer wieder verändert. Jede Generation setzt andere Akzente, aber es wäre soviel spannender, wenn der zufällige Besucher von den Veränderungen erfahren würde und an der Zeitreise teilhaben könnte.

Die anmutige Innenausstattung sollte man sich nicht entgehen lassen, sie ist in jedem Fall einen Besuch im Rahmen einer Führung wert, auch wenn auch hier einiges erneuert wurde. Die Stuckarbeiten von Joseph Anton Feichtmayer (oder auch Feuchtmayer) und seinen Mitarbeitern sind leicht und lebendig, wie sie der süddeutsche Barock und Rokoko hervorbrachte und gibt den Räumen eine beschwingte Note.

Die Vögel und Pflanzen und ein ganz besonders entzückender Fuchs im Deckenbereich würden auch Kindern gefallen. Leider wurde bei unserer Führung kaum auf diese einmalige Ausstattung Bezug genommen. Also selbst mit den Augen auf Erkundung gehen. Es wurde versucht, den gesamten Katalog einer barocken Schlossaustattung der damaligen Mode aufzugreifen, seien es Chinoiserien, Familien-Portraits, volkstümliche Genre-Szenen oder der immer beliebte Herkules als Symbol des weisen und mächtigen Herrschers. Den Künstlern Brugger, Dirr und seinen Gehilfen gelingt es, einen erfreulichen und beschwingten Eindruck zu erwecken – sei es in den Wohnräumen oder in den Treppenhäusern. Das vorherrschende Thema ist jedoch die Natur. Die Lebensfreude ist besonders im Bachussaal zu spüren. Von den 63 Landschaften auf Leinwand in der umlaufenden Galerie der Treppenhäuser schuf einige Johann Joseph Kaufmann (1707-1766) der Vater der berühmten Angelika Kaufmann, die auch hier schon in  jungen Jahren zwei Ahnenbildnisse für die Schlossherren schuf. Dreizehn dieser Landschaftsgemälde entstanden erst 1937 durch Walter Maschke (1913-2007).

In der Schlosskapelle soll möglich den Stil des Rokoko vorherrschen und so wurden alle späteren Veränderungen und Hinzufügungen entfernt. 1854 wurde die Kirche als evangelische Kirche geweiht für die herangewachsene Gemeinde der zugezogene Bevölkerung. 1922 wurden Glasfenster der Künstlerin Käte Schaller-Härlin eingefügt, auch diese wurden leider 1952 entfernt.

Die Montforts konnten „Staat machen“ bis sie pleite gingen. Heute können wir uns daran erfreuen und viel erkunden.

Erst nach Napoleons Sieg bei Austerlitz und seiner territorialen Neuordnung kam Tettnang an des Königreich Bayern und 1808 dann zu Württemberg.

Leider finden sich keine Hinweise über nachträgliche Ergänzungen und Erneuerungen, alles wirkt sauber und neu; dabei wäre es so spannend, detektivisch alten Spuren nachzuspüren, Brüche zu entdecken und Überraschungen zu erleben.

Es ist leicht, weitere Informationen über Tettnang, das Grafengeschlecht der Montfort, ihre Heiratspolitik sowie die Künstler zu finden.

Lässt man das Schloss hinter sich liegen und wendet sich dem Städtchen zu, steht zur Rechten das heutige Rathaus, ein Treppengiebelgebäude, das vor dem barocken prächtigen Neubau als Herrschaftssitz diente, da musste ein Neubau her. Restaurants und Cafes in unmittelbarer nähe zum Schloss laden zu einer Rast ein.

Ein Besuch in der Kirche Sankt Gallus belohnt mit einer einmaligen modernen, zum Teil konstruktivistischen Innenausstattung des Breisacher Künstlers Helmut Lutz von 1990-1991. Serienmäßige Bauelemente, z. B. Stahlträger werden zu Stahlelementen zusammengeschweißt und farbig gefasst, so dass skulpturale Objekte entstehen, die über ihre reine Funktion hinaus Gestalt annehmen – hier sind besonders die Türgriffe an den gläsernen Eingangstüren zu erwähnen, die im geschossenen als auch im offenen Zustand Eigenständigkeit bezeugen, ebenso die Kreuzskulptur in der Mitte des Kirchenschiffes, die als Gesprenge und Träger der überkommenen Skulpturen dient und dennoch ein eigenwilliges selbständiges Architekturelement ist. Die Verwendung der kirchengeschichtlich bedeutsamen Komplementärfarben Rot und Blau erweckt den Gesamteindruck einer freudigen Festhalle.

Schlosskirchenführer

Neue Farben für das Schloss

Schloss Tettnang wird weiter aufpoliert

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